Die Küste, 75 MUSTOK (2009), 51-70
54
Abb. 4: Rettungsszene in einer Straße Flensburgs während der Sturmflut am 13.11.1872,
(Illustrierte Zeitung, 1872)
3. Rekonstruktion der Windfelder
Um mit numerischen Modellen die Auswirkungen auf Wasserstand, Strömung und See
gang, die eine derartige Sturmflut heute im Bereich der westlichen Ostsee hätte, nachvollzie
hen zu können und die Mechanismen, die zu dieser extremen Hochwassersituation führten,
besser zu verstehen, werden zeitlich und räumlich hoch aufgelöste Gitterpunktwerte des
Windvektorfeldes benötigt. Die wenigen vorhandenen Beobachtungswerte des Windes aus
der damaligen Zeit reichen zur Übertragung in die Fläche nicht aus. Zur Simulation mit
modernen dreidimensionalen Atmosphärenmodellen fehlen die nötigen Eingangsdaten.
Die Abschätzung der Windverhältnisse erfolgte deshalb aus den Feldern des Luftdrucks
in Meereshöhe über den geostrophischen Wind. Der geostrophische Wind ergibt sich aus
dem Gleichgewicht von Corioliskraft und Druckgradientkraft und kann aus der Luftdruck
verteilung berechnet werden (siehe dazu Alexandersson et ah, 1998). Der Einfluss der
Reibung an der rauhen Erdoberfläche bleibt dabei unberücksichtigt. Aus Werten des geostro
phischen Windes lässt sich jedoch für die freie See mit Hilfe empirischer Ansätze
der Wind in 10 Meter Höhe über NN abschätzen. Der Vergleich der Ansätze von Duun-
Christensen (1975), Hasse (1974), Luthard und Hasse (1981 und 1983) sowie Schmager
(1993) zeigte eine große Empfindlichkeit der Umrechnung bezüglich der thermischen Schich
tung, Focken (2003). Die Verifikation der Ergebnisse, die in Kap. 5 näher beschrieben ist,
ergab für den Ansatz nach Hasse (1974) die besten Ergebnisse. Streng genommen muss zur