Schumacher A.: Die Fahrten eines deutschen Seemanns aus der Segelschiffszeit, 77
die Kap Horn-Region im Zeitalter des Segelschiffs eine gänzlich unproduktive
Hemmungszone des Seeverkehrs?).
Bei Gegenüberstellung mit Dampferwegekarten lassen diese Blätter der
Einzelreisen ermessen, wie sehr sich mit Einführung der Kraftschiffahrt der
Seeverkehr vom Flächenhaften zum Linienhaften gewandelt hat. Aus den Tropen
und Subtropen des Atlantischen Ozeans ist das breite Band der süd- und nord-
wärtsstrebenden Seglerwege verschwunden. Unmittelbar südlich der Kapverdischen
Inseln öffnet sich heute zwischen den Dampferkursen nach Südafrika und nach
Südamerika ein riesiges nahezu verkehrsloses Dreieck. Die vierziger Südbreiten,
noch vor einem halben Jahrhundert eine Hochstraße des Güterverkehrs zur See,
werden heute eigentlich nur noch zwischen Südafrika und Australien dürftig
befahren, Ähnliches gilt vom ganzen südöstlichen Stillen Ozean, wo einst die
von der amerikanischen Westküste heimkehrenden Segler in weitem nach Westen
ausholenden Bogen nach Kap Horn strebten?). Die Karten belegen eindringlich
die schon oft betonte Tatsache, daß ohne das Segelschiff und die frei-
willige Beobachtungstätigkeit seiner Besatzung die Klimatologie und
Ozeanographie der Weltmeere über weiten Gebieten hätte Bruchstück
bleiben müssen. Dabei waren die weitgehende Abhängigheit von Wind und
Wetter und die vielfache Muße während der monatelangen Seefahrt der sorg-
samen Beobachtung wie der ausführlichen Niederschrift besonders günstig.
Bis zu einem gewissen Grade, wenn natürlich auch durchaus nicht voll-
ständig, spiegeln die drei Tafeln auch die Geschichte der deutschen Segelschiff-
Tahrt im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts und bis kurz nach der
Jahrhundertwende wider. Unter den Reisezielen der Matrosen- und Steuermanns-
jahre, auch noch bei zwei der ersten Kapitänsreisen, spielen Westindien, die
Nordküste Südamerikas und die Ostküste Nordamerikas eine Rolle, sämtlich
wichtige Betätigungsfelder der kleinen deutschen Segler in den sechziger und
siebziger Jahren, Ein weiteres derartiges Gebiet, die Guineaküste, ist nicht ver-
ireten, wohl einige südamerikanische Häfen, die von Europa aus mit Ladung
aufgesucht wurden. Die Fahrt Kronstadt— Honolulu —Wladiwostok wurde ver-
mutlich mit Getreide für die russische Militärverwaltung ausgeführt. Auch die
Fahrt nach Hinterindien kommt auf den beiden ersten Blättern schon zur
Geltung. Für die in den siebziger und achtziger Jahren nicht seltene jahrelange
Beschäftigung deutscher Segler in Übersee ohne Anlaufen eines deutschen oder
suropäischen Hafens sind gerade die ostasiatischen Küstenreisen auf Tafel 6
typisch. Hier möchte man als Gegenstück etwa noch eine Kreuzfahrt in der
Südsee sehen?).
In den Steuermanns- und Kapitänsjahren treten die Westküste Amerikas und
Australien mehr in den Vordergrund. Das Segelschiff wird aus dem rein at-
Jantischen Verkehr zusehends verdrängt; dieses wichtigste der drei Weltmeere
wird für die Seglerflotten mehr und mehr der bloße lange Zufahrtsweg zu den
eigentlichen, weit abgelegenen Betätigungsfeldern. Lange Zwischenreisen, vor-
nehmlich zwischen Australien, Südafrika und Hinterindien, auch zwischen Austra-
lien und der „Westküste“ werden die Regel. Am langwierigsten ist in dieser
Hinsicht zweifellos die sechste, annähernd zwei Jahre dauernde Kapitänsreise:
Skandinavien — Tasmanien — Rangoon—Santos — Samoa — Ponta Delgada (Azoren)
*) Die Dauer der Kap Horn-Umsegelungen in westlicher Richtung, ausgedrückt in der Dauer
des Aufenthalts südlich von 50° S, schwankt nach den auf der Deutschen Seewarte vorhandenen
Unterlagen zwischen neun Tagen und zwei Monaten, Vgl. außer Schott (in der Ztschr. Ges, £, Erd-
kunde, S. 281 bis 285) in den Annalen der Hydrographie H. Haltermann (20, 1892, S. 166 ff.,
190 ff., 227 ff.) und M. Jentzsch (37, 1909, S. 124; 38, 1910, 8. 87). Für Umsegr-Jungen des Kaps
der Guten Hoffnung vgl. Carl H, Seemann, Sechs Reisen um das K, d. G. H. im südl. Winter,
Ann. d. Hydr. 20, 1592, 8. 329 bis 340,
%) Werden die Dampferwegekarten in Schotts Geographie des Atlantischen Ozeans (Taf. XXVI)
and des Indischen und Stillen Ozeans (Taf, XXXVI) zum Vergleich herangezogen, so ist zu beachten,
laß dort manche Linien vornehmlich der Entfernungsvorstellung wegen eingezeichnet und nicht als
regelmäßig befahrene Dampferkurse anzusehen sind. Dies gilt z. B. für die zwischen Swakopmund
(besser Walfischbucht) und dem La Plata und zwischen Kapstadt und der Magellanstraße gezogenen
Verbindungen und wohl für alle von Valparaiso über den freien Ozean ausstrahlenden Linien.
3) Vgl. hierzu G. Schott, Ztschr. Ges. f. Erdkunde, S. 260 bis 262,