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Full text: 150 Jahre amtliche deutsche Hydrographie 1861 - 2011

20 | Historische Wurzeln 
gebend war, nämlich die Schifffahrt und die Marine 
weitgehend unabhängig von Kartenwerken anderer 
Staaten zu machen. „Außerdem müssten die vom 
Ausland bezogenen Seekarten so hingenommen 
werden, wie sie geboten werden, ohne Gewähr, 
dass das, was der deutsche Interessent braucht, in 
den Karten Berücksichtigung gefunden hat“. Insbe- 
sondere die nautischen Vereine und die in Hamburg 
ansässigen Reedereien sprachen sich entschieden 
gegen eine Einschränkung des deutschen Seekar- 
tenwerkes aus. Der „Verein Hamburger Reeder“ 
schrieb im Bericht des Verwaltungsrats über das 
Jahr 1926/27: 
‚Wir weisen in Übereinstimmung mit sämtlichen 
nautischen Kreisen darauf hin, dass das nau- 
sche Werk der Marineleitung nicht nur nicht 
beschränkt, sondern vielmehr erweitert werden 
Nuss“. 
Der Reichsverkehrsminister schrieb am 19. Novem- 
3er 1927 u. a. an den Reichsfinanzminister: 
‚... Das mit großen Mühen geschaffene vorbild- 
"liche Karten- und Nachrichtenwerk der Marine 
bildet die Grundlage einer sicheren Schiffsfüh- 
"ung für die gesamte deutsche Schifffahrt. Aus 
Sründen der Sicherheit der deutschen See- 
schifffahrt muss ich mit allem Nachdruck davor 
warnen. diese Grundlage zu erschüttern “ 
Nach langer mühevoller Arbeit gelang es 1929/1931 
der Nautischen Abteilung, für den weiteren Ausbau 
und für die Vollendung des Seekartenwerkes einen 
festen Plan aufzustellen. Er war allerdings weniger 
Jmfangreich als der ursprüngliche und auch nur in 
einem längeren Zeitraum —- 30 Jahre — zu verwirk: 
ichen. Danach sollte die Anzahl der Karten von 
768 (1929) / 804 (1931) bis auf 1500 (1958) erhöht 
werden. Die Verwirklichung dieses Planes setzte 
sine Jährliche Aufstockung der personellen und 
sächlichen Mittel voraus und sah für das Jahr 1958 
achtundvierzig kartographische Beschäftigte vor. 
Die Herstellunagskosten einer neuen Karte — Original- 
zeichnung, Kupferplatte mit Mappe, Kupferstich 
- wurden Ende der 20er-Jahre mit durchschnittlich 
7330 RM veranschlagt. Für die Lebensdauer einer 
<upferplatte wurden etwa 60 Jahre angenommen 
Jer Bestand an deutschen Admiralitätskarten be- 
trug am 1. Oktober 1929 779 Karten, davon 705 in 
Xupferstich, die übrigen in Steindruck. Der Vertrieb 
dieser Karten erfolgte durch Privatanstalten, davon 
waren eine Hauptvertriebsstelle in Berlin, 35 Ver: 
riebsstellen in deutschen und 20 Vertriebsstellen 
ın ausländischen Häfen. Im Jahr 1931 wurden 
durchschnittlich 50000 Seekarten oder 5/6 der Ge- 
samtherstellung an die deutsche Handelsschifffahrt 
geliefert. Beim 75-jährigen Bestehen des Seekarten 
Werkes im Jahr 1936 umfasste der Bestand 849 See 
karten, 898 im Jahr 1939 und 1050 Karten bis 1944 
Von seiner Gründung bis 1943 war das Seekarten- 
werk ohne Unterbrechung in Berlin untergebracht. 
Wegen Gefährdung durch den Krieg wurde die 
Abteilung Seekarten der „Amtsgruppe Nautik des 
Iberkommandos der Kriegsmarine“ in die von der 
Stadt Kaufbeuren zur Verfügung gestellte Berufs- 
schule und in die damals geschlossene und von deı 
Marine gemietete „Vereinigte Kunstanstalten A.G., 
Kaufbeuren“ verlegt. Der Umzug der rund 100 Fach- 
<räfte nebst allem Zubehör an Unterlagen und 
Geräten fand im August 1943 unter großem persön- 
ichem Einsatz aller Beteiligten statt. Die Abteilung 
‘ührte in Kaufbeuren die Bezeichnung „Marinekom- 
mando Kaufbeuren“. Wohngelegenheiten stellte 
die Stadt Kaufbeuren zur Verfügung, zumal für 
Familienangehörige, die im weiteren Kriegsverlauf 
in Berlin ausgebombt wurden. Von Zerstörungen 
durch Luftangriffe blieb die Dienststelle in Kaufbeu 
(en verschont. Am 9. April 1945 wurde angeordnet, 
das Seekartenwerk für die Nordsee und die Ostsee 
nach Hamburg zu verlegen; es kam aber nur zu 
zwei vergeblichen Versuchen. Das Kriegstagebuch 
andet am 27. April 1945 mit der Eintragung „Beset- 
zung der Stadt Kaufbeuren durch USA-Truppen“. 
Jamit endete ein wesentlicher Abschnitt der deut- 
schen Seekartographie.
	        
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