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Bei näherer Betrachtung obiger fünf Reisen drängt sich uns zunächst
die Frage auf, ob denn auch wirklich die Voraussetzung des Kapt. Neumann
zutreffend ist, d. h, ob einem nach Nordamerika bestimmten Schiffe die Möglich-
keit geboten wird, während der Wintermonate in den meisten Fällen, nördlich
der Züge der über den Nordatlantischen Ocean in östlicher Richtung ziehenden
Depressionen, mit vorwiegend günstigen Winden seine Reise ausführen zu
önnen.
Unter den Seeleuten ist die, wohl auf alte Erfahrungen sich stützende
Ansicht vertreten, dass auf hohen Breiten östliche Winde häufiger vorkommen,
als weiter südlich. Ausser den hier gegebenen Reisen hat Kapt. Neumann
eine Anzahl anderer mit günstigem Erfolge auf der von ihm vorgeschlagenen
Route ausgeführt, so dass man wohl mit einiger Bestimmtheit seine Behauptung
als zutreffend auffassen kann.
Die hier aufgeworfene Frage könnte entscheidend nur beantwortet werden,
wenn ein ausreichendes Material synoptischer Darlegungen der Witterungs-
verhältnisse über den Nordatlantischen Ocean vorläge; allein bis heute ist
dies nicht der Fall. Das beste und wohl das einzige Material, auf welches man
zurückgreifen kann, sind die von Herrn Hoffmeyer, Direktor des dänischen
meteorologischen Instituts in Kopenhagen, herausgegebenen synoptischen Karten,
an welche sich noch solche, von der Seewarte entworfene anschliessen lassen.
Indess sind bis jetzt von ersteren auch vollständig für die Wintermonate
nur die der Jahre 1873/74 und 1874/75 erschienen. Eine Prüfung dieser
immerhin nur geringen Anzahl Karten scheint zu beweisen, dass zur Winter-
zeit die grösste Anzahl der beobachteten Depressionen auf einer Linie New-
fundland — Island entweder ganz über den Ocean sich verfolgen lassen (was
indess nur selten der Fall ist), oder, was mit Rücksicht auf die Windverhältnisse
ungefähr auf dasselbe hinauskommt, dass die mittleren Orte der Depressionen
auf eine sich von Küste zu Küste hinziehende Linie fallen. Oestlich von 40° W-Lg
und südlich von 50° N-Br schreiten in den Wintermonaten nur selten Depressionen
ostwärts vor, während in den Frühjahrmonaten Fälle, in denen solche weit
südöstlich sich verfolgen lassen, recht häufig sind. Oftmals gleichen sich die
Depressionen in der Mitte des Oceans aus, worauf sich später andere in der-
selben Gegend neu bilden, um dann in der Regel ostwärts zu schreiten, so dass
es wohl für den hier im Auge gehabten Zweck genügt, die Verbindungslinie
der mittleren Orte der Depressionen als die mittlere Bahn der letzteren anzu-
sehen. Um die ungefähren mittleren Orte der Depressionen zu erhalten, ist in
jedem der sich an ‚einander anschliessenden Abschnitte von 10 Längengraden die
mittlere Breite der Orte, von welchen übrigens manche auf Schätzung beruhen,
aller in einem solchen Abschnitte gefundenen Depressionen berechnet worden.
Es ergiebt sich nun, dass viele der Depressionen zwischen /Zsland und den
Shetland - Inseln passiren und die häufigen östlichen Winde an der Südküste
Island’s veranlassen. Aber auch eine grosse Anzahl derselben zieht nördlich
von Island vorüber, so dass ein Schiff, um ganz sicher zu gehen, d. h. um
günstige Winde erwarten zu können, wie solche in den Wintermonaten an der
grönländischen Küste fast immer wehen, noch nördlich von Island und weiter
durch die Dänemark-Strasse seine Reise auszuführen hätte, woselbst es indess
sehr‘ leicht mit Eis in Berührung kommen würde. Aber schon aus anderen
Gründen, auf die hier wohl kaum näher einzugehen sein dürfte, kann das Ein-
schlagen einer solchen Route nicht empfohlen werden. So viel ist indess klar,
dass auf der von Neumann vorgeschlagenen und von ihm selbst mit erheb-
lichem Erfolge gewählten Route bei weitem ınehr östliche Winde zu erwarten
sind, als auf der Route vom Kanal direkt nach Nordamerika. .
In der beigefügten Karte finden sich die mittleren Wege der Schiffe,
deren Reisen in der am Anfange erwähnten Zusammenstellung beschrieben sind,
und der Reisen von Kapt. Neumann, welche von ihm im Oktober und Februar
ausgeführt wurden, eingetragen. Ausserdem ist das Gebiet bezeichnet, in
welchem sich vorzugsweise die Depressionen bewegten; und zwar entspricht die
nördliche Grenze dieses Gebietes den ungefähren mittleren Zügen der De-
pressionen im Anfange des Winters, während die südliche Grenze annähernd
die mittleren Züge derselben gegen das Ende des Winters darstellt.