Herrmann, J.: Die Bedeutung der Nordostdurchfahrt für die Schiffahrt. 491
Rinne längs der Küste benutzen müssen. Diese Rinne sollte man nur bei be-
sonders günstigen Aussichten verlassen, um sich zwischen zerteiltem Eise einen
kürzeren Weg zu suchen. Gegen die Gefahr, im Eise festzugeraten und dort
längere oder kürzere Zeit aufgehalten zu werden oder in später Jahreszeit gar
einzufrieren, wie es das Schicksal verschiedener Schiffe gewesen ist, wiegt der
kurze Umweg gering,
Über die Windverhältnisse im Karischen Meere läßt sich nach den bis-
herigen unvollständigen Beobachtungen kein abschließendes Urteil fällen. Die
für die Eisverhältnisse ungünstigen‘ und günstigen Winde scheinen einander
ziemlich das Gleichgewicht zu halten, eher die ersteren zu überwiegen, Die
Beobachtungen!) der russischen Vermessungsexpeditionen von 1898 bis 1902
zeigen sehr veränderliche Winde, jedoch mehr nördliche als südliche, fast
durchweg aber von geringer Stärke. Im Juli und August kommen Windstillen
häufig vor. Der Strom ist hauptsächlich von der Richtung und Stärke des
Windes abhängig. Nebel, der gewönliche Begleiter des Eises, ist im Sommer
sehr häufig und hindert die Fahrt in der Nähe von Eis oder von der Küste
auf das empfindlichste,
Vom Karischen Meer bis zur Bering-Straße sind unsere Kenntnisse der
Küstengewässer und ihrer Eis-, Wind- und Stromverhältnisse sehr unvoll-
ständig. Mit dem Mündungsgebiet des Ob und Jenissei, das zuletzt (1894 bis
1896) von Oberstleutnant Wilkitzky vermessen worden ist, hören die hier
schon recht dürftigen Segelanweisungen und die brauchbaren Seekarten auf,
abgesehen von den Plänen der Taimur-Insel und des Taimur-Sundes sowie der
Aetinia-Bucht, die nach den Vermessungen der Vega-Expedition von den Russen
im Jahre 1881 herausgegeben und bis 1903 verbessert sind. Englische See-
karten der Nordküste Asiens existieren überhaupt‘ nicht, während die beiden
russischen Übersichtskarten (vom dJenissei-Busen bis zur Jana-Mündung von
1874, verbessert bis 1902 und von der Jana-Mündung bis zur Bering-Straße
von 1874 und 1895) auf den Vermessungen der Großen Nordischen Expedition
von 1733 bis 1744, von Wrangel, Anjou u, a. von 1821 bis 1823 und teilweise
auf noch früheren Vermessungen (1721) beruhen. Diese beiden Karten genügen
wohl für geographische Zwecke, sind aber für sichere Navigierung viel zu
ungenau und unvollständig. Abgesehen davon, daß ganze nicht unbeträcht-
liche Küstenstrecken überhaupt noch nicht vermessen sind, sind nach den
Beobachtungen der Vega-Expedition die Längen im westlichen Teile dieser
Strecke durchweg zu weit Östlich angesetzt. Die der Küste vorgelagerten
zahlreichen kleinen Inseln und Untiefen, die in dem seichten Küstenwasser
eine große Gefahr für die Schiffahrt bilden, sind so gut wie unbekannt, trotz
der ergänzenden Beobachtungen Nordenskjölds und Nansens.
Für die Beurteilung der Eis-, Wind- und Stromverhältnisse in diesem
Gebiet sind wir neben den Beobachtungen einzelner Küstenbewohner und in
der Nähe der Bering-Straße von Walfischfängern hauptsächlich auf die Beob-
achtungen der bereits genannten älteren russischen Vermessungsexpeditionen
angewiesen, von denen jedoch die Berichte der Großen Nordischen Expedition
wenig bekannt sind. In der Neuzeit haben die Fahrten Nordenskjölds, v, Tolls
und Nansens, letzterer allerdings nur für den westlichen Teil, wichtige Auf-
schlüsse über die Fahrwasserverhältnisse der Nordostdurchfahrt gegeben.
Das für die Schiffahrt im Sommer ' verfügbare Fahrwasser, das im
Norden mit der Packeisgrenze abschließt, ist beim Kap Tscheljuskin, dem
nördlichsten Punkte des asiatischen Festlandes, nur schmal, Die Packeisgrenze
tritt dort auch in günstigen Sommern ziemlich nahe an’ die Küste hinan, fast
so nahe wie an das Nordende von Nowaja Semlja, läuft dann nach der Süd-
küste der Bennet-Insel und von dort nach der Südküste der Wrangel-Insel,
wo sie nach Norden umbiegt und sich weiter von der Festlandsküste entfernt.
Der Raum zwischen. der Packeisgrenze und der Küste ist auch im
Winter nicht vollständig zugefroren. Unter dem Einfluß des Windes öffnen
1) Mereoposormueckian HM THAPOAOTHYICCKIA HMAÖIJNACHIA NPONIBEACHHNA DKCHEAMLIiEÄ CKrepkaro
XEXOBMrarO OxeaHa. Marxayie TıasHaro IHINOFNACcKYECKAFO YıpazJeWia. St. Petersburg 1900 bis 1903.