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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 51 (1923)

Defant, A.: Die Gezeiten der Nordsee, Beobachtung und Theorie. 183 
weise Auflösung einer großen Zahl von Gleichungen. Wir wollen uns hier nicht 
weiter damit aufhalten. Das Resultat ist dasselbe, wie früher angegeben wurde, 
Die nach diesem Verfahren ausgeglichenen Werte u, u’ und v, v' wurden 
nun für jeden Punkt wieder zusammengezogen, und man erhielt auf diese Weise 
die Verteilung der Phase und Amplitude der Längs- (U-) Strömung bzw. der 
Quer- (V-) Strömung für die ganze Nordsee. Folgende vier Tabellen (S. 184) 
enthalten für jeden Punkt diese Werte der U und V; die graphische Darstellung 
findet sich in den Abbildungen 2 und 3 (Tafel 9). 
Die Längsströmung (Abb. 2) zeigt, daß das ganze Gebiet der Nordsee 
einerseits von einer vollständigen Amphidromie, deren Zentrum in der 
Mitte zwischen England und Dänemark, etwa 300 km von der deutschen Küste 
entfernt liegt, anderseits von dem südlichen Teil einer zweiten Amphi- 
dromie umfaßt wird. Deren Zentrum dürfte in der Höhe der Shetlands-Inseln 
liegen. In der sonst ziemlich regelmäßigen Anordnung der Linien gleicher 
Phasenzeit fällt die Drängung dieser Kurven auf ein kleineres Gebiet in der 
südwestlichen Ecke der Nordsee vor dem Eingang in die Hoofden auf. Hier 
erfolgt eine überaus rasche Änderung der Phasenzeit. In den Hoofden selbst, 
die nicht in den Bereich unserer Untersuchung gehören, ist das Vorhandensein 
einer dritten Amphidromie angedeutet. Von der nördlichen Amphidromie konnten 
bloß vier Flutstundenlinien gezeichnet werden; es ist zu erwarten, daß weitere 
vier vom angegebenen Zentrum zur norwegischen Küste hinüber verlaufen, 
während die noch fehlenden vier gegen Norden gerichtet sind. Die fein- 
gestrichelten Linien geben die Amplitude der Längsströmung in cm sec—l, Wie 
bei einer Amphidromie zu erwarten ist, ordnen sich die Linien gleicher Amplituden 
zu geschlossenen Linien um das Amphidromiezentrum, in dem die Amplitude 
selbst auf Null herabsinkt. Vom Zentrum radial nach außen gehend, tritt überall 
das Maximum an den Küsten ein. Während aber die Zunahme gegen Westen 
namentlich gegen Südwesten (englische Küste) überall sehr kräftig ist, ist sie 
gegen Osten und Norden (dänische Küste und Skagerrak) schwach, Die größten 
Geschwindigkeiten der Längsströmung findet man in der Südwestecke der Nordsee, 
vor den Küsten von Norforlk, vor der Wash-Bucht und der Humber-Mündung. 
Gegen Norden nehmen die Werte allmählich ab, bleiben aber überall größer 
als 60 cm see—1 
An den Küsten von Jütland sind nur in einem kleinen Gebiet, vor Sylt 
and den Nordfriesischen Inseln die Amplituden der Längsströmung im Maximum 
etwa 70 em sec-1, Von der nördlichen Amphidromie liegt das Minimumgebiet 
der Amplitude rund um das Zentrum bereits außerhalb des Untersuchungs- 
bereiches, aber die Abnahme der Amplitude gegen die Mitte des Meeres ist auch 
hier deutlich ausgeprägt. . ; 
Abbildung 3 enthält Phasen und Amplituden der Querströmungen, Hier 
ist zunächst zu bemerken, daß sich praktisch diese nur auf das südliche Drittel 
der Nordsee, eigentlich auf den innersten Teil derselben, beschränken. Die 
Amplitude muß natürlich an der West- und Ostküste Null sein, während sie 
knapp vor.der holländisch-deutschen Nordseeküste maximale Werte annimmt. 
Wir finden aber auch hier eine gut ausgesprochene Abnahme, wenn man von 
der Weser-Mündung und den Ostfriesischen Inseln westwärts gegen die Hoofden 
fortschreitet. Das Maximum der Querströmung liegt so im innersten Teil der 
Deutschen Bucht; von hier nimmt die Stärke der Querströmung radial nach 
allen Richtungen hin ab, am stärksten gegen NW und N, Nur der südlichste 
100 bis 150 km breite Streifen der Nordsee hat Querströmungen über etwa 
40 cm sec—!, im anderen, ausgedehnten Gebiet nimmt die Amplitude regelmäßig 
auf Werte von 15—10 cm sec-—! ab. 
Die Phasenverteilung ist bei der Querströmung recht unregelmäßig; eine 
sehr rasche Änderung zeigt sich nür in den Hoofden, gegen Osten zu, längs der 
holländischen und deutschen Küste verspätet sich die Phase bis auf 3 Uhr. 
Gegen Norden hin hat die Ostseite Phasenzeiten etwas über 2 Uhr, die Westseite 
etwas über 1 Uhr, ein Unterschied,. der sich immer mehr verwischt, je weiter man 
nordwärts geht. Im weiten Gebiet der mittleren und nördlichen Nordsee ist
	        
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