Portig, W.: Die Jahresmittel der Temperaturreihe von Prag. 343
Perioden erklären kann, so ist das ein scheinbarer Widerspruch zu dieser Formel.
Und zwar besteht dieser Widerspruch so lange, wie wir die Mitteltemperatur als
gegeben ansehen. Das ist aber durchaus nicht erforderlich, denn genetisch sind
Mitteltemperatur und Temperaturstreuung vollkommen gleichberechtigt. Dadurch,
daß die Augenblickstemperatur eine direkt meß- und fühlbare Größe ist, werden
wir immer wieder dazu verleitet, die Mitteltemperatur ebenfalls als konkret
anzusehen. Dazu kommt noch, daß die Mitteltemperatur aus den (realen) Einzel-
messungen viel leichter zu entnehmen ist als die Streuung. Es ist aber doch so,
daß man ohne Streuung auch nicht von einem Mittelwert sprechen kann; und daß
der Mittelwert nicht ein feststehender Normalwert, sondern eine in ziemlich weiten
Grenzen schwankende Größe ist, haben die Ausführungen des Abschnitts D („Säku-
lare Schwankungen der Jahrestemperatur“ in Heft III) wohl zur Genüge bewiesen,
Sieht man nun nicht die Streuung als Funktion der Mitteltemperatur an,
so kann man die obige Formel auch umkehren;
T = 2 Om — X .S— &
Ua Ta ®
oder T=a.07 +8: S+7.
Dabei sind wieder a, ß und y Konstanten, die durch irgendein Verfahren aus
dem Material gewonnen werden müssen, In dieser Schreibweise zeigt die Formel,
daß eine Periode, die in or auftritt, auch in T wiedergefunden werden muß, aber
in abgeschwächter Form, weil sich ihr der Einfluß von S überlagert. In der Tat
ist die Brückner-Schwankung in der Streuung viel deutlicher ausgeprägt als in
der Mitteltemperatur.
Die Anwendung der Methode der kleinsten Quadrate liefert als wahrschein-
lichste Konstanten
a=-+084, ß=-—0.0067, y= -+9.14,
also T = 0.84 - 07 — 0.0067 S + 9.14, wobei sich T und o7 auf je 15 Jahre lange
Epochen beziehen. Die Aneinanderreihung der T aus aufeinanderfolgenden
Epochen ist also der säkulare
Gang der Temperatur. Als
Werte für die Streuung wurden
hier nicht die beobachteten,
sondern die aus den Perioden
errechneten Werte benutzt. Da
die Konstruktion schon einige
Abweichungen gegen die Beob-
achtung aufweist, kann man
nicht erwarten, daß der Zu-
sammenhang zwischen dem
beobachteten Säkulargang
und seiner Konstruktion sehr
stramm ist. Rein formal ist
auch zu bedenken, daß die
angewendete Formel nur auf
einem ersten Versuchsansatz
beruht. Trotzdem sollen mit
dieser Formel die Säkularvariationen der Temperatur berechnet und mit den
gemessenen Werten verglichen werden (Abb. 12). Beide Wertereihen zeigen
erstaunlich gute Übereinstimmung miteinander; nur der beobachtete Temperatur-
anstieg seit Ende des vergangenen Jahrhunderts bis in die neueste Zeit wird
nicht richtig erfaßt. Es wäre allerdings der Fall denkbar, wenn auch durch
Vergleich mit anderen Stationen höchst unwahrscheinlich, daß das Divergieren
bis zum Betrage von !/,° C darauf zurückzuführen ist, daß die in der Innenstadt
von Prag gemessenen Werte infolge der fortschreitenden Industrialisierung zu-
nehmend zu hoch ausgefallen sind.
Durch Änderung des Rechenverfahrens kann man noch eine bessere Dar-
stellung der säkularen Temperaturschwankung finden. Zunächst fällt an Abb. 12
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