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Full text: 70, 1942

Wegener, Kurt: Die statistische Prognose. 
Die statistische Prognose. 
N 
Von Kurt Werener, Graz. 
Sollen wir voraussagen, wie lange ein frei fallender Körper aus einem Frei- 
ballon bis zur Erde braucht, so können wir 2 Methoden anwenden. Wir können 
uns auf möglichst ähnliche Fälle stützen, bei denen der Körper und die Fallhöhe 
möglichst ähnlich waren, und diese Methode möchte ich statistisch nennen; und 
wir können auf Grund des Fallgesetzes und des Luftwiderstandgesetzes, die beide 
statistisch gewonnen wurden, die Fallzeit berechnen. Diese Methode könnte 
man physikalisch nennen. Die erste Methode wäre auch als unmittelbare, die 
zweite als mittelbare zu bezeichnen. 
Bei der Voraussagung oder Weissagung des Wetters wird gegenwärtig nur 
die zweite Methode verwendet, deren Grenzen weiter unten betrachtet werden 
mögen. Die erste habe ich kurze Zeit hindurch als Abteilungsvorstand der 
Abteilung 3 der Deutschen Seewarte 1919 bis 1923 zugleich mit der zweiten an- 
gewendet und über die damaligen Erfahrungen sei hier berichtet. 
Je ähnlicher eine frühere Wetterkarte (und ihre vorhergehende Entwicklung) 
der gegenwärtigen ist, um so ähnlicher wird jedenfalls auch bei der gegenwärtigen 
Wetterlage die Weiterentwicklung sein. Die statistische Methode läuft also darauf 
hinaus, unter den Wetterkarten der vergangenen Zeit zum Zweck der Prognose 
diejenige herauszufinden, die der jeweiligen gegenwärtigen am ähnlichsten ist. 
Damals standen für diesen Zweck die Wetterkarten von etwa 1890 an zur 
Verfügung. Die früheren waren zu dürftig. Diese Beobachtungsreihe wurde mit 
der Verdrängung des Millimeters durch das Millibar abgeschlossen, weil nun die 
Darstellungen des Luftdrucks nicht mehr ohne weiteres mit den älteren ver- 
gleichbar waren. Die Einführung des Millibars durch V. Bjerknes wollte die 
Maßeinheiten, die bisher national waren, vereinheitlichen. Heute aber liegt 
bereits wieder eine genügend lange Beobachtungsreihe von Wetterkarten in 
Millibar-Maß vor, so daß die statistische Methode allmählich wieder anwendbar 
wird, und praktisches Interesse erhält, Die Kartothek, in der man in einfachster 
Weise die ähnlichste Wetterlage aufsucht, wird naturgemäß je nach den Vor- 
stellungen des Benutzers über die Zusammenhänge der Wetterentwicklung indi- 
viduell verschieden sein können, Der eine legt mehr Gewicht auf Luftmassen- 
Analyse, ein anderer auf die Abgrenzung verschiedener Luftmassen durch die 
Fronten, und wieder ein anderer auf die Trägheitskräfte, die in den Luftdruck- 
gebilden zum Ausdruck kommen, 
Es ist wohl selbstverständlich, daß man eine Wetterkarte vom Juli nicht 
mit einer vom Januar vergleichen darf, um dann Schlüsse auf die Weiterent- 
wicklung des Wetters zu ziehen. Im Winter verhindert eine Schneedecke durch 
Reflektion der Sonnenstrahlung und durch den Schmelzvorgang die mittägliche 
Erhitzung des Bodens, im Gegensatz zum Sommer; aber auch ohne Schneedecke 
überwiegt im Winter von Tag zu Tag die Ausstrahlung. Nur die mittägliche, 
nicht die allgemeine Erwärmung wächst im Winter, wenn die Schneedecke ge- 
schmolzen ist. Oder jedenfalls wächst die allgemeine Erwärmung nur wenig. 
Man darf nur die Wetterkarten etwa der gleichen Zeit zuziehen, wobei zunächst, 
solange die Beobachtungszeit nur 1 bis 2 Jahrzehnte umfaßt, der gleiche Monat 
ausreicht. Selbst das bloße Durchblättern der früheren Wetterkarten des gleichen 
Monats (bei einem Jahrzehnt 300 Tage) kann auch ohne Katalog bereits nützlich 
sein, um sich an die für den Monat charakteristische Wetterentwicklung zu er- 
innern, da die eigene Erinnerung oder Erfahrung noch zu sehr unter dem Einfluß 
des gerade vergangenen Monats steht, 
Da man, abgesehen von einem Versuch der Bergenschen Schule, auf den 
Wetterkarten als Hauptgrundlage für die Betrachtung des Wetters in allge- 
meinerem Sinne, die Linien gleichen Luftdrucks ansieht, hatte ich für die Karto- 
thek diese zugrunde gelegt: Richtung und Stärke des Luftdruckgefälles in Mittel- 
guropa bildete den Ausgangspunkt für die Kartothek oder den Wetterkatalog. 
Unterabteilungen wurden gebildet durch Stärke und Lage des Azoren- und Ruß- 
land-Hochs und des Island-Tiefs Nachdem hierdurch die Zahl der ähnlichsten
	        
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