Neumann, Gerhard: Die absolute Topographie des physikalischen Meeresniveaus usw. 279
den dynamischen Isobathen, und zwar so, daß (auf Nordbreite) in Richtung des
Stromes gesehen, rechts die höheren Werte der dynamischen Isobathen liegen. Die
Strömungsgeschwindigkeit läßt sich bekanntlich nach der Bjerknes-Helland-
Hansenschen Beziehung aus dem Abstand der dynamischen Isobathen berechnen.
[st &,—e, der dynamische Niveauunterschied (s. S, 270) der isobaren Fläche
zwischen zwei Punkten, deren Abstand L senkrecht zu den dynamischen Isobathen
gemessen wird, @ die Winkelgeschwindigkeit der Erde und @ die geographische
Breite, dann ist die Geschwindigkeit des Gradientstromes
5 = %
"7 20Lsing
In Abb. 6 ist das zur absoluten Topographie des physikalischen Meeres-
niveaus gehörende Gradientstromfeld der Meeresoberfläche dargestellt, Die
Strömungen sind durch Pfeile angedeutet, deren Stärke und Befiederung die
Geschwindigkeit in cm/sec angibt. Klar zeichnet sich das charakteristische, zyklo-
nale Stromsystem an der Oberfläche des Schwarzen Meeres ab, wobei mehrere
Kreisströme und Wirbel von verschiedener Ausdehnung deutlich hervortreten.
Vom Bosporus setzt ein mäßig starker Strom mit Geschwindigkeiten von
10 bis 20 cm/sec nach Osten. Etwa von Eregli ab nimmt der Strom nordöstliche
Richtung an und erreicht, hart an die Küste gepreßt, Geschwindigkeiten bis zu
40 cm/sec. Nördlich Kerempe spaltet sich dieser kräftige und vermutlich auch
sehr beständige Strom in zwei Aste, Der Hauptstrom setzt in Richtung NE
weiter, dreht allmählich über N nach NW, wobei die Geschwindigkeiten wieder
schwächer werden,. Der zweite, schmalere Stromzweig behält die östliche Rich-
tung unmittelbar an der anatolischen Küste bei, fächert nördlich Sinope etwas
auseinander und schlägt dann, verstärkt durch eine von NW mit Geschwindig-
keiten bis 20 em/sec hinzutretende Strömung, südöstliche Richtung ein. Diese
Strömung hält sich bis etwa 37° E-Länge ziemlich nahe der Küste und teilt sich
dann in ein nach NE und später nach N gerichtetes Stromband und in ein zweites,
das zunächst in östlicher Richtung ungefähr parallel zur Küste weiterströmt und
erst später nach NE und N umbiegt. Zwischen beiden Stromästen liegt unter
etwa 39° E-Länge ein stromschwaches Gebiet, in dem einzelne kleine Wirbel auf-
treten können. Unter etwa 43° N-Breite vereinigen sich die beiden Stromzweige
wieder zu einem an der kaukasischen Küste nordwestwärts gerichteten starken
Strom, der Geschwindigkeiten bis zu 40 em/sec und mehr erreichen kann. Südlich
der Straße von Kertsch wird dieser Strom wieder schwächer und spaltet sich in
einzelne Stromzweige auf, wobei Gegenströme und Wirbel zwischen den einzelnen
Stromästen beobachtet werden können. An der südöstlichen Krimküste nimmt
der Strom wieder als relativ breites Stromband südwestliche Richtung an, spaltet
aber unter etwa 35° E-Länge einige Stromfäden nach Süden ab, die später nach
SE drehen und in den von der mittelanatolischen Küste kommenden Strom über-
gehen. An der Südküste der Krim setzt Weststrom mit Geschwindigkeiten bis
zu 40 cm/sec, die unter günstigen Umständen wohl auch noch erheblich
stärker sein können. Nach dem Passieren der südlichsten Spitze der Krim (Kap
Sarytsch) erhält der nach W gerichtete Strom beim Übergang von dem südlich
der Krim gelegenen Schelfgebiet in tieferes Wasser eine kleine Komponente nach
Süden und bildet dann mit einigen schon vorher abgekurvten Stromfäden einen
kleinen, aber ziemlich kräftigen zyklonalen Kreisstrom südlich der Krim, Schon
bei der Besprechung der absoluten Topographie des physikalischen Meeresniveaus
wurde darauf hingewiesen, daß es sich bei der auffallenden Einsenkung des
physikalischen Meeresniveaus an dieser Stelle um eine durch Beobachtungen gut
gestützte Erscheinung handelt. Dieser kleine zyklonale Kreisstrom muß dem-
nach auch als ein charakteristisches Glied des stationären Gradientstromsystems
im Schwarzen Meer angesehen werden. Nördlich der mittelanatolischen Küste
findet man unter etwa 34° E-Länge einen zweiten, aber sehr viel schwächeren
zyklonalen Wirbel angedeutet, der jedoch nicht sehr stabil zu sein scheint, Es
ist möglich, daß der hart an die Küste gepreßte Oststrom zeitweilig etwas mehr
auseinanderfächert und den ganzen Raum zwischen 42 und 43° N-Breite einnimmt.