266 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1942,
der eigenartigen Temperaturschichtung des Schwarzen Meeres zu finden und
legt dieselbe im Anschluß an die Grenze zwischen Ober- und Unterstrom am
Ausgang des Bosporus in 55 m Tiefe fest. Auf Grund seiner Untersuchungen
kommt W, Wissemann zu dem Ergebnis, daß für das resultierende Strombild
im Schwarzen Meer die Windströmungen sowohl nach Richtung und Stärke
als auch in bezug auf die relative Verteilung der Geschwindigkeitsmaxima
allein maßgebend sind und nur wenig durch die Dichteströmungen modifiziert
werden, Wie in der vorliegenden Arbeit gezeigt werden kann, entspricht ein
solches Resultat nicht den Tatsachen und das charakteristische Stromsystem des
Schwarzen Meeres ist hauptsächlich die Folge der z. T. recht kräftigen horizon-
talen Druckdifferenzen, Daß Wissemann zu einem solchen Ergebnis kommen
mußte, ist dadurch zu erklären, daß die von ihm angenommene Grenzfläche
keine „Nullfläche“ für den Strom darstellt. Wir werden später sehen, daß diese
viel tiefer angenommen werden muß und daß das Strömungsbild in 50 m Tiefe
nur wenig von dem an der Meeresoberfläche verschieden ist. Erst unterhalb
der Grenze der thermischen Vertikalkonvektion (50 bis 60 m Tiefe, stellenweise
noch etwas tiefer) kann mit einer merklichen Abnahme der Strömungsgeschwin-
digkeit mit der Tiefe gerechnet werden,
Das von Wissemann angegebene Strömungsschema stellt im wesentlichen
einen das ganze Schwarze Meer umfassenden zyklonalen Wirbel dar, dessen
Zentrum südlich der Straße von Kertsch in etwa 43.5° N-Breite liegt. Der westlich
des Meridians von Kap Sarytsch (Südspitze der Krim)*) gelegene Teil des Schwarzen
Meeres zeigt danach vorwiegend von Nord nach Süd gerichtete Wasserbewegung,
die im nördlichen Abschnitt eine westliche, im südlichen Abschnitt eine östliche
Komponente aufweist. Mit Annäherung an die anatolische Küste biegt der Strom
allmählich immer mehr nach Osten um und geht an der am weitesten nach N
vorspringenden Küste Mittelanatoliens in etwa 34° E-Länge als reiner Oststrom
in den zyklonalen Wirbel über.
Noch vor Beginn der neueren russischen Schwarzmeerexpeditionen (10) haben
sich J. M. Schokalski (20) und später L. F. Rudowitz (19) in ihren Arbeiten mit
der Frage der Strömungen im Schwarzen Meer auseinandergesetzt. So findet
man bereits 1917 die Auffassung vertreten, daß im westlichen und östlichen
Becken je ein zyklonaler Wirbel besteht, was mit einem später von N. M. Knipo-
witsch (11) (12) angegebenen Strömungsschema sehr viel Ähnlichkeit hat. Knipo-
witsch macht den genannten Autoren jedoch zum Vorwurf, das Vorhandensein
einer allgemeinen, kreisförmigen Hauptströmung an den Küsten des Schwarzen
Meeres, besonders an der mittelanatolischen Küste, nicht genügend berücksichtigt
zu haben. Die Angaben von Knipowitsch (12) gründen sich z. T. auf direkte
Beobachtungen, d. h. auf Schiffsversetzungen und Vertriftungen irgendwelcher
anderer schwimmender Körper, zum größten Teil aber sind sie aus Beobach-
tungen über die Verteilung der hydrologischen und hydrobiologischen Faktoren
(Temperatur, Salzgehalt, 0,, H,S, Plankton) indirekt erschlossen.
Das allgemeine Schema der Strömungen im Schwarzen Meer besteht nach
Knipowitsch aus folgendem Wirbelsystem: Die tiefen, zentralen Teile des
Meeres werden von einer zyklonal drehenden Hauptströmung umschlossen, die
sich fast an der ganzen Umrandung des tiefen Beckens eng an die Küste oder
die 200 m-Tiefenlinie anschmiegt. Von dieser in sich geschlossenen Hauptströmung
trennt sich im Gebiet südöstlich der Krim ein Zweig nach Süden ab, der schließlich
nach SE dreht und sich wieder mit der nach SE setzenden Hauptströmung an
der anatolischen Küste nordöstlich von Sinope vereinigt. Im westlichen Teil des
Schwarzen Meeres zweigt etwa bei Eregli ein anderer Stromast von der Haupt-
strömung ab, der nach Norden gerichtet ist und südwestlich von Kap Sarytsch
ebenfalls mit der Hauptrichtung zusammenfließt. Durch diese im mittleren Teil des
Schwarzen Meeres nach N bzw. S gerichteten Stromzweige wird der große zyklonale
Hauptwirbel des Schwarzen Meeres von zwei zyklonalen Teilwirbeln überlagert.
Diesem Strömungsschema schließt sich E. F., Skworzow (22) nicht vollends
an. Er lehnt entschieden das Vorhandensein zweier entgegengesetzt gerichteter
1) Über die geographische Lage der Orte 8. Abb. 4.