Meinardus, W.: Die bathygraphische Kurve des Tiefseebodens usw. 243
Gestaltung des Tiefseebodens mit ihrer Weiträumigkeit und relativen Gleich-
förmigkeit zur Annahme einfacherer formbildender Kräfte und Vorgänge.
Dieser viel beachtete und erörterte Gegensatz findet seinen Ausdruck auch
in dem doppelten Maximum der Arealverteilungskurve der Landhöhen- und Tiefen-
stufen. Das obere Niveau, das der Kontinentaltafel, entspricht der Oberfläche
des die Festlandsblöcke zusammensetzenden leichteren, spröden sialischen Materials,
das untere Niveau, das des Tiefseebodens, hingegen der Unterlage oder der
wirksamen Nähe des schwereren, zähen simatischen Substratums. Beide Massen
befinden sich, wie die Erdgestalt im großen ganzen, im hydrostatischen Gleich-
gewicht. Daß der Boden der Tiefsee oder wenigstens die unter ihm liegenden
tieferen Schichten aus andersartigem, schwererem Material bestehen als die Konti-
nentalschollen, geht bekanntlich auch aus verschiedenen geophysikalischen Beob-
achtungen hervor!). Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Erdbebenwellen in
den oberen Schichten ist im Untergrund der Ozeane größer als unter den Fest-
ländern. Auch der Erdmagnetismus verhält sich dort und hier verschieden. Der
Vulkanismus äußert sich anders auf den Inseln des Pazifischen Ozeans wie auf
denen seiner Randgebiete. Der Gegensatz von Festland und Meeresboden findet
in der Arealverteilungskurve der Höhen- und Tiefenstufen seinen augenfälligsten
Ausdruck, und die Gestalt dieser Kurve muß die Auffassung beseitigen, die beiden
Zweige der Kurve zeigten jede für sich den Charakter der Fehlerkurve, die durch
eine zufällige Verteilung der Höhen bzw. Tiefen zustande käme, Ihre Gesetzmäßig-
keit liegt in anderer Richtung, und es bedarf noch weiterer Untersuchungen, sie
ursächlich zu begründen?),
Es darf natürlich nicht übersehen werden, daß die hypso- und bathygraphi-
schen Kurven nicht die Böschungsverhältnisse der Höhen und Tiefen zur
Anschauung bringen, Um diese zu ermitteln ist es nötig, auf die einzelnen
Glieder des Reliefs zurückzugehen. Bei einer so starken Verallgemeinerung, wie
sie in der vorliegenden Untersuchung geschehen mußte, um die allgemeinen Züge
des Reliefs herauszuarbeiten, kann ein Rückschluß vom allgemeinen: auf den
Einzelfall leicht zu falschen Schlüssen führen, Anders lag die Sache bei meiner
Untersuchung der Oberflächengestaltung des grönländischen Inlandeises?). Dort
konnte die Parabelform der hypsographischen Kurve für ein bestimmtes, ein-
heitlich aufgebautes Gebiet festgestellt und zu weitergehenden Schlüssen über
die „Normalform“ des Inlandeises verwendet werden. Die ozeanischen Flächen
sind viel zu groß und vielgestaltig, um aus der gesetzmäßigen Beziehung zwischen
der Verteilung der Areale nnd der Parabelgleichung etwas über die Gestaltung
im einzelnen aussagen zu können*),
Immerhin läßt sich über die möglichen Ursachen der gesetzmäßigen Zunahme
der Areale der Tiefenstufen zwischen dem Kontinentalabhang und den zentralen
Teilen der Ozeane noch einiges sagen. Die Zunahme der Areale der Tiefen-
stufen kann in dem Sinne gedeutet werden, daß mit wachsendem Abstand von
den Festländern sich die Böschungen des Meeresbodens immer mehr verringern.
Man mag daran denken, daß die von den Kontinenten ausgehende Sediment-
ablagerung in Verbindung mit submarinen Erdrutschen einen Ausgleich des
Höhenunterschieds zwischen den beiden Hauptniveauflächen der Erdkruste an-
strebt. Die Sedimentierung terrigenen Materials nimmt dabei mit der Entfernung
von den Küsten allmählich ab. Die Böschung wird sich also nach Art eines weit-
ausgedehnten Schuttkegels allmählich seewärts verflachen, Diese Erscheinung
wird noch dadurch begünstigt, daß die Kalkschalen abgestorbener Organismen
im Meerwasser um so mehr der Auflösung verfallen, je tiefer das Meer ist, Über
den größeren Tiefen kommen sie daher nicht mehr zur Ablagerung. Auch die
pelagische Sedimentierung stuft sich also nach der Tiefe hin ab und läßt die
Böschungen in dieser Richtung ausklingen, In der bathygraphischen Kurve muß
1) Vgl. hierzu die zusammenfassende und kritische Darstellung von E, Tams. Grundzüge der
ohysik, Verhältnisse d. festen Erde. Band 1I. Berlin 1937. — % Vgl, zu dieser Frage die kritischen
Bemerkungen über A. Wegeners Auffassung von Rob. Schwinner. Lehrb, d. physikal. Geologie,
Bd. I, 8. 278, 1936. — % Peterm, Mitt. 1926, S. 97. — *%) Vgl. z. B. den allgemeinen Überblick über
„ozeanische Bodenformen und ihre Beziehungen zum Bau der Erde“ von L. Mecking. Peterm. Mitt.
‚940, 8. 1. mit Tiefenkarte der Ozeane.