Buch, Kurt: Kohlensäure in Atmosphäre und Meer.
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war die Luft nach Angaben des Meteorologen R. B. Montgomery aus Boston
polar-kontinental, somit ursprünglich wahrscheinlich CO,-reich gewesen, mit dem
Gehalte von etwa 3.3. Sie war 36 bis 48 Stunden über das Meer gezogen.
Die unterste Schicht zeigte also für diese Zeit einen Verlust von wenigstens
0.2.107% als Tension ausgedrückt, und war noch nicht vollständig in Gleich-
gewicht mit dem Wasser gelangt. Solche Versuche müßten in größerer Anzahl
vorgenommen werden.
Alle diese Erfahrungen zeigen, daß die Zeitdauer des CO,-Austausches
Atmosphäre— Wasser jedenfalls qualitativ überblickt werden kann, Die Luft
nimmt schnell etwa die Tension des Wassers an, aber das Wasser erhöht seine
Tension in viel längerer Zeit und kann auf die Tension der Luft gebracht
werden nur, wenn sehr große beständig neue Luft-
massen mit etwa unveränderter Tension über das
Wasser ziehen. Aus diesen Erfahrungen lassen
sich aber sofort zwei für den Ausgleich und seine
Zeitdauer wichtige Fragen aufstellen. 1. Wenn aus
irgendeinem Grunde ein bestehendes Gleichgewicht
durch Zugabe von CO, zu einem der beiden Raum-
gebilde gestört wird, wie verteilt sich diese Zugabe
bei der darauf einsetzenden Ausgleichung auf
beide? 2, In welchem Ausmaße gelangen Meer
und Atmosphäre miteinander in Berührung und
wie lange dauert der von den Berührungsmassen
abhängige Ausgleichsprozeß?
Über die erste Frage hat Verf. (7) einige
Kalkulationen aufgestellt, auf die hier jedoch nicht
näher eingegangen werden kann. Es handelte
sich darum, zu berechnen, in wie langer Zeit der
CO,-Gehalt der Atmosphäre durch die industrielle
Verbrennung verdoppelt werden würde, Dieses
würde, wenn wir von der Angabe Goldschmidts
über die jährliche CO,-Zufuhr durch Kohlever-
brennung 800 y (= 0.0008 gr) je cm? Erdober-
fläche ausgehen, in etwa 500 Jahren geschehen,
wenn wir annehmen, daß das Meer nichts für sich
nähme. Indessen ist das Meer ein großer Räuber,
Die Berechnung ergab, daß von der jährlichen Zu-
fuhr etwa 5/;, vom Meere aufgenommen würde, nur
1. verbliebe in der Atmosphäre. Unter der Vor-
aussetzung, daß das Meer den industriellen CO,-Zuschuß ebenso schnell absorbiert
als er entsteht, würde die Verdopplung also erst in 3000 Jahren erreicht sein. In-
dessen ist offenbar für die Beurteilung dieser Verhältnisse weder die Verteilungsfrage
noch die von Krogh besprochene Austauschgeschwindigkeit zwischen Wasser und
Luft entscheidend, sondern die zweite oben gestellte Frage, nämlich: ein wie großer
Anteil der Totalatmosphäre überhaupt jährlich in Berührung mit dem Meere kommt
und mit einem wie großen Anteil des Totalvolumens des Meeres? Nach allem zu ur-
teilen nur ein ganz geringer Teil. Hierüber hat neuerdings 1940 G. S. Callendar
einen interessanten Artikel veröffentlicht. Er hat die ganze sowohl ältere wie neueste
Luftkohlensäure-Literatur kritisch gesichtet und die Ergebnisse der zuverlässigsten
und von den lokalen Einwirkungen am wenigsten beeinflußten Analysenserien zu-
sammengestellt und gelangt zu dem Resultat, daß der CO,-Gehalt der Atmosphäre
seit Beginn dieses Jahrhunderts von durchschnittlich 2,92 auf 3.22, also mit 0.30 cm?
pro 10 Liter oder mit etwa 10% zugenommen hat, was einer Gesamtmenge von
etwa 200000 Millionen Tonnen entspricht. Für die Zeitperiode 1900 bis 1935 gibt
er die verbrannte Menge von Kohle und Brennöl zu insgesamt 50000 Millionen
Tonnen an, entsprechend etwa 150000 Millionen Tonnen CO,, welch letztere
Menge mit Goldschmidts obiger Angabe 0.0008 gr/cm? jährlich übereinstimmt
und wahrscheinlich derselben Quelle entstammt. Für 35 Jahre ergibt sich aus