Buch, Kurt: Kohlensäure in Atmosphäre und Meer,
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veranlassen können, und damit auch, wie uns ja nunmehr geläufig, das reiche
Tierplankton und Fischleben der von jeher bekannten Fischereigebiete wie des
Englischen Kanals, der Neufundland-Bänke, der Küstengebiete Norwegens, des
Schelfgebietes Islands, des Barentsmeeres usw. In diesen Gebieten kann zu-
folge des hohen CO,-Verbrauches die Tension bis auf 1-107* und sogar noch
niedriger sinken. Daß das oben erwähnte westafrikanische Auftriebgebiet hohe
Tensionswerte aufwies, beruht nach Wattenberg darauf, daß das zur Oberfläche
transportierte Wasser hier mittleren Tiefen entstammt, wo noch keine Anreicherung
an Nährsalz vorhanden ist. Die Nährsalze in Zusammenwirkung mit dem Lichte
bilden also einen wichtigen Tension herabsetzenden Faktor, der das CO, aus
der Atmosphäre ins Wasser treibt. In Gebieten mit jahreszeitlichem Rhythmus
des hydrographischen Geschehens ist auch die Nährsalzeinwirkung eine jahres-
zeitliche, Es sei nur an die enorme Frühlingswucherung an Diatomeen an
manchen Küstengebieten Nordeuropas erinnert. Als besonders typisches Beispiel
mögen die von Buch und Gripenberg bei Hangö an der Mündung des Fin-
nischen Meerbusens beobachteten Verhältnisse genannt werden. Hier war im
Winter, solange die Eisdecke lag, die CO,-Tension im Mittel etwa 3.3.107% Atm.
Dieser Gleichgewichtszustand mit der Atmosphäre, der sich nach einem von der
herbstlichen Konvektion bedingten Überdruck im Januar eingestellt hatte, dauerte
bis Ende März und fiel dann in’ einigen Wochen auf etwa 2.107% In dieser
Zeit verschwand nämlich das Eis, und in derselben Zeit stieg die Pflanzen-
planktonmenge von ein paar tausend Zellen bis über 1.6 Millionen im Liter See-
wasser, Ein Aufstieg der Tension auf normalen Wert folgte im Laufe des
Sommers und war erst Ende Juli erreicht. Später im September trat plötzlich
Überdruck ein infolge der Einwirkung eines die Wasserschichten kräftig durch-
mischenden Sturmes, Im allgemeinen ist die stärkere Beweglichkeit der See im
Herbst als ein wichtiger, die Tension beeinflussender Umstand zu betrachten.
Die Abweichungen der CO,-Tension des Wassers in den Auftriebgebieten sind
öfters bedeutend größer als die Fluktuationen des CO,-Gehaltes in der freien
von lokalen Verhältnissen unbeeinflußten Atmosphäre. Das Meer wirkt also hier
eher heterogenisierend als ausgleichend auf den CO,-Gehalt der Luft, und letztere
wirkt umgekehrt ausgleichend auf das Meer, wie aus folgendem Beispiel ersichtlich.
Die Passatluft nimmt aus schon erörterten Gründen CO, auf. Die übernormale
Tension des Wassers wird also hierbei herabgesetzt. Diese an CO, angereicherte
Luft wird nun nach Norden transportiert und gibt dort ihren Überschuß dem
Wasser mit unternormaler Tension ab, welche also erhöht wird.
Als Allgemeinergebnis obiger Betrachtungen kann folgendes gesagt werden:
Meer und Atmosphäre haben sich im Laufe der Zeiten automatisch aufeinander
eingestellt, Für die jeweilige allgemeine Tensionslage des Meeres ist die physi-
kalische und chemische Beschaffenheit des Meeres maßgebend und als bestim-
mende Faktoren treten Temperatur, Salzgehalt und die Kohlensäurekonstituenten
ein. Durch diese sind gewisse Ausgangsbedingungen für den CO,-Druck fest-
gelegt, die sich, wie wir auf der Strecke Norwegen—Spitzbergen fanden, deutlich
zu erkennen geben können. Sodann treten aber die biologischen Faktoren auf,
welche sozusagen eine Feineinstellung bewirken. Diese kommen aber zur Aus-
wirkung nur in Verbindung mit anderen Faktoren, den.großen physikalisch-
ozeanographischen: der Erdrotation und den damit im Zusammenhang stehenden
Strömungen, Auftriebskräften usw. und auch chemischen wie Sauerstoff, Nähr-
salzen usw. letzten Endes allen zum Aufbau der Lebewesen nötigen Grundstoffen.
5. Dynamische Fragen; zukünftige Weiterentwicklung.
Über die Dynamik des Gesamtaustausches sind wir zur Zeit sehr mangelhaft
unterrichtet. Die erste Aufgabe ist auch hier, die einzelnen einwirkenden Faktoren
zu erkennen und gegeneinander abzuschätzen,
Einige wichtige Aussagen hierüber hat schon Aug. Krogh im Zusammenhang
mit seinen erwähnten Tensionsbestimmungen im Nordatlantischen Ozean zwischen
Dänemark und Grönland gemacht, Durch Vergleich seiner Tensionswerte mit dem
damals schon reichen und auch exakten Material an Luftkohlendioxydanalysen
Ann. d. Hydr. usw. 1942, Heft YIL