Ann. d. Hydr. usw., LXX. Jahrg. (1942), Heft V.
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Das anomale Verhalten des Wassers in bezug auf einige für die
Meereskunde wichtige physikalische Eigenschaften.
Von Kurt Kalle, Hamburg, Deutsche Seewarte.
Daß das Wasser ein anomales thermisches Ausdehnungsvermögen und ein
Maximum seiner Dichte bei + 4°C aufweist, ist eine Erscheinung, die bereits
in jedem physikalischen Anfängerlehrbuch verzeichnet ist. Daß diese Tatsache
jedoch nur einen einzelnen speziellen Fall in einer großen Anzahl ähnlich ge-
lagerter Fälle darstellt, und daß das Wasser geradezu ein Musterbeispiel für
einen Stoff mit ausgeprägt anomalem physikalisch-chemischen Verhalten darstellt,
dessen ist man sich gerade im Hinblick auf die außerordentlich vielseitige Be-
deutung, welche dem Wasser im Haushalte der Natur zukommt, im allgemeinen
viel zu wenig bewußt, In den folgenden Zeilen soll daher auf einige weitere
ähnlich gelagerte anomale Erscheinungen und ihre Auswirkungen auf die Meeres-
kunde hingewiesen werden,
Rufen wir uns zuerst die Verhältnisse ins Gedächtnis zurück, wie sie uns
bei der thermischen Ausdehnung des Wassers entgegentreten. Während bei
einer normalen Flüssigkeit
die Ausdehnungskurve in
einem Temperatur-Dichte-
Diagramm (Abb. 1a) an-
nähernd eine gerade Linie
darstellt, die sich vom
Gebiet hoher Temperatur
und hohem spezifischen
Volumen in den Bereich
geringerer Temperatur
und kleinerem Volumen
erstreckt, demnach in un-
serem Diagramm eine sich
von rechts oben nach
links unten hinziehende
Gerade darstellt, ist die
entsprechende Kurve beim
Wasser gänzlich anders-
artig gestaltet. Bei hohen
Temperaturen von 100 bis
etwa 50°C erkennen wir noch den normalen Kurvenverlauf. Dann aber tritt, je
weiter wir mit der Temperatur hinabgehen, ganz allmählich eine Hemmung der
Dichtezunahme bzw, der Abnahme des Volumens auf, die sich in einem immer
stärker in die Erscheinung tretenden Abbiegen des linken Kurvenastes äußert.
Dieser Vorgang geht schließlich so weit, daß die der allgemeinen thermischen
Kontraktion entgegengesetzte Tendenz die Oberhand gewinnt und sich bei weiterer
Abkühlung die Kontraktion im Gebiet von + 4° bis 0°C in eine Volumenzunahme
verwandelt, Wir erhalten demnach statt einer gleichmäßig geneigten Geraden
{ür den thermischen Dichteverlauf beim Wasser eine parabelähnliche Kurve.
Bezeichnend hierbei ist vor allem der Umkehrpunkt der Kurve bei + 4°C, der
die Stelle des Dichtemaximums des Wassers darstellt. >
Die Folge, die dieses Verhalten für den Stoffhaushalt der Süßwasserseen
bezüglich des so wichtigen jahreszeitlichen Konvektions- und Gefriervorganges
nach sich zieht, ist so bekannt, daß wir nur kurz darauf hinzuweisen brauchen.
Beim Einsetzen des herbstlichen Abkühlungsvorganges, bei dem die Oberschicht
der Seen ständig von oben her abgekühlt wird, tritt infolge der mit der zunehmenden
Dichte und der dadurch hervorgerufenen Instabilisierung der oberen Wasser-
Massen so lange eine stetige Durchmischung in den Wasserbecken ein, bis die
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Ann. d. Hydr. usw. 1942. Heft 9.