Portig, W.: Die Jahresmittel der Temperaturreihe von Prag.
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durch die Einwirkung verschiedenster Einflüsse zustande gekommen sind, läßt
sich doch eine ganze Reihe von Regeln ableiten, die teilweise mit erstaunlicher
Genauigkeit erfüllt sind. Es hat dabei den Anschein, als wenn die Temperatur
nicht notwendigermaßen mit der Wetterlage gekoppelt ist, z. B. dann, wenn die
gleiche Temperaturanomalie trotz grundsätzlichen Wechsels in der Großwetter-
lage erhalten bleibt, Dem stehen wieder andere Fälle gegenüber, in denen man
auf Grund der Anderung der Großwetterlage die Anderung der Temperatur-
anomalien in der richtigen Größenordnung ableiten kann,
A. Extreme der Jahrestemperatur.
Die Jahresmitteltemperatur wird gern unbeachtet gelassen. Von Laien wird
zegen sie eingewendet, daß sich die Temperaturanomalien verschiedener Jahres-
zeiten doch im Laufe des Jahres gegenseitig aufhöben. Zu diesem Einwand
braucht hier nichts weiter gesagt zu werden, weil er sich durch die Ergebnisse
der folgenden Ausführungen von selbst widerlegt. Von Wissenschaftlern wird
gegen die Verwendung der Jahrestemperatur angeführt, sie sei eine durch die
Zusammenfassung verschiedener Jahreszeiten zu sehr komplexe Größe, um noch
einen tieferen Sinn als nur den einer Rechengröße zu haben, Ferner sei die
Abgrenzung des Jahres zwischen Dezember und Januar ganz willkürlich. Gegen
len ersten dieser beiden Einwände ist zu erwidern, daß eine kleine Temperatur-
anomalie eines Monats leicht als unbedeutend und „zufällig“ abgetan wird, daß
sie aber bemerkenswert wird, wenn sie auch in mehreren oder allen anderen
Monaten des Jahres auftritt. Betrachtet man nun nur einzelne Teile des Jahres,
so werden so kleine Anomalien im allgemeinen nicht auffallen, während sie sich
im Jahresmittel addieren und zu einer beachtlichen Größe anwachsen können.
Und daß diesen Fällen eine besondere Bedeutung zukommt, wird wohl jeder
zugeben, — Gegen den zweiten Einwand, der von wissenschaftlicher Seite erhoben
wird, läßt sich noch nichts entgegnen. Es sprechen aber einige Anzeichen dafür,
daß der Winter die „aktive“ Jahreszeit ist, daß also der Winter mit dem ihm
folgenden Sommer eine Einheit bildet und nicht mit dem vorhergegangenen,
Die größte Schwankung der Jahresmittel der Prager Temperaturreihe beträgt
5.23°, die größte Anderung von einem Jahr zum nächsten 3.74°, nämlich von 1799
auf 1800, Es handelt sich also entgegen der Meinung des Volksmundes um recht
beträchtliche Beträge, denen auch eine erhebliche wirtschaftliche Bedeutung
zukommt.
Die sieben kältesten und sieben wärmsten Jahre waren:
‚799 mit 6.37° 1786 mit 7.55°
838 „ 731° 1829 „ 7.589
871 „ 737° 1940 ,, 7.609
864 © 7.479
1794 mit 11.60°
1834 „ 11,540
1934 11.330
1811 .. 11.30°
1868 mit 11,26°
A7A1 ,, 11.219
1506 „ 11.17°
Zwei Tatsachen fallen an dieser Zusammenstellung auf: Daß nämlich der
große Zeitraum von 1872 bis 1933 frei von besonders extremen Jahresmitteln
ist, und ferner, daß die Spanne vom kältesten zum siebtkältesten Mittel mit 1.23°
viel größer ist als die vom wärmsten zum siebtwärmsten mit 0.43°,
Es seien gleich hier, wie auch im weiteren Verlauf dieser Untersuchung,
Anhaltspunkte dafür gegeben, aus welchen Komponenten sich die Jahresmittel
zusammensetzen, d,h. in diesem Zusammenhang, wie groß die Anomalien der
vier Jahreszeiten im Vergleich mit der Jahresanomalie sind. Die folgende Tabelle
yibt auf diese Frage Antwort.
Winter ' Frühling
T-Anomalien der 7 kältesten Jahre | — 46° —1.1°
P- „ 7 wärmsten 424° 4220
Kammer
or
'orhet
Tahr
19 | —2.1°
„120 | 190
Während der extrem kalten Jahre wird also das Jahresmittel weitgehend vom
Wintermittel bestimmt, wenn auch die anderen drei Jahreszeiten zusammen die-
selbe Größenordnung erreichen. Bei den Höchstwerten setzt sich dagegen die
Jahresanomalie zu etwa gleichen Teilen aus den Jahreszeitenanomalien zu-
sammen. Dabei ist anzumerken, daß die Streuung der Winteranomalien ganz