102 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1941,
Rechnen wir die Ergebnisse ‚der Tab. 1 moch je Tag um, so erhalten wir
S* — —53 cal/Tag cm®, also scheinbar eine Erwärmung des Bodens durch die
Luft, dagegen S = + 14 cal/Tag cm*, also Erwärmung der Luft vom Boden aus,
Daß der Betrag von S verhältnismäßig klein ausfällt, liegt an der Auswahl der
Beobachtungstage, an denen mit einem kräftigen Absinken unter antizyklonalem
Einfluß zu rechnen ist, da sogar die normale mittägliche Konvektionsbewölkung
an diesen Tagen ausgeblieben ist.
{Inwieweit eine Verallgemeinerung des Ergebnisses statthaft ist, liegt ohne
weiteres auf der Hand, Damit haben wir die Lösung des Schmidtschen
Paradoxons für diejenige Schicht, für die es besonders „belastend“ wirkte,
nämlich für die Bodenschicht der Atmosphäre und den normalen täglichen Ab-
lauf der Wärmesätze in ihr. Man gewinnt darüber hinaus die Erkenntnis, daß
das Paradoxon nicht besteht für alle Schichten, in denen nennens-
werte Variationen des vertikalen Temperaturgefälles bzw. der Stabi-
lität und im Zusammenhang damit des vertikalen Austauschkoeffi-
zienten (z. B. infolge von Luftmassenwechseln) vorkommen.
Bei der Vertrautheit von W. Schmidt mit allen Fragen des Austausches
ist ‚es selbstverständlich, daß er selbst sein Ergebnis in der durch die obigen
Darlegungen gegebenen Richtung prüfte (s), Er kam damals jedoch zu dem
Schluß, daß bei aller Verschiedenheit des Austausches nicht damit zu rechnen
sei, daß der Austausch in den Tagesstunden mit überadiabatischem vertikalen
Temperaturgefälle in ausreichendem Maße größer sei, um den abwärts gerichteten
Wärmestrom während der übrigen Tagesstunden bzw. Nachtstunden mit unter-
adiabatischem Temperaturgefälle zu übertreffen, Hiergegen sprechen neuere
Beobachtungen {[vgl. (4), (s) und (6e)], die erstmals genauer abgeleitete sehr starke
Tagesperiode des Austauschkoeffizienten (6) in Verbindung mit der aus unmittel-
baren Registrierungen des vertikalen Temperaturgefälles gewonnenen Erkenntnis,
daß überadiabatische Gradienten in den unteren Schichten zu allen Jahreszeiten,
selbst im Winter, im Mittel aller Fälle mindestens an vier Stunden je Tag auf-
treten. Vgl. Best (s) bzw. das eingehende Referat von Steinhauser (s).
Für höhere Luftschichten liegen die Dinge etwas anders. W. Schmidt (2)
untersuchte diesen Fall gesondert, Hier kann der vertikale Austausch tatsächlich
im Mittel unter unseren Breiten Wärme von oben nach unten schaffen, Und
zwar nährt sich dieser Strom durch die Gleitbewegungen der Luftmassen ver-
schiedener Herkunft, Dieses erkennt man Ohne weiteres anschaulich aus dem
Bestreben der wärmeren Massen, sich über die kälteren zu schieben. Gleichen
sich nun allmählich infolge der Turbulenz der Strömungen die ursprünglich
vorhandenen Dichte- bzw. Temperaturunterschiede aus, so muß notwendig dabei
ein von oben nach unten gerichteter Wärmefluß auftreten. Diesen Vorgang
erfaßt Raethjen mit dem Begriff des „Gleitaustausches“ in sehr gelungener
Weise (ı). Ein Zusammenhang der eingangs angeführten Raethjenschen Be-
trachtungen mit dem Schmidtschen Paradoxon besteht also tatsächlich, wenn
auch nicht die eigentliche Lösung darin erblickt werden konnte.
Abschließend mag noch darauf hingewiesen werden, daß in der kürzlich
erschienenen 2, Auflage von Koschmieders bekanntem Lehrbuch der dyna-
mischen Meteorologie bei der Behandlung des Austausches bedauerlicherweise
der;Satz aus der 1. Auflage stehengeblieben ist, der aussagt, daß das Schmidtsche
Paradoxon bisher unwidersprochen geblieben sei (10), obwohl eine Klarstellung
im Sinne der obigen Ausführungen bereits vor nunmehr drei Jahren, vgl. (4),
8 35, veröffentlicht wurde.
Schriftenverzeichnis.
1]. Raethjen, P., Labile Gleitumlagerungen, Ann, d, Hydrogr. 69 (1941), 325.
2. Ag A Marge Massenaustausch in freier Luft und verwandte Erscheinungen. Hamburg
3. Schmidt, W,, Wird die Atmosphäre durch Konvektion von der Erdoberfläche her erwärmt?
Meteorol, Z, 38 (1921), 262,
4. Lettau, H , Atmosphärische Turbulenz. Leipzig 1939,
5. Fritzsche, @., und R, Stange, Vertikaler Temperaturverlauf über einer Großstadt, Beitr. Phys.
frei, Atmosph. 23 (1936), 25,