Dammann, W.: Die Kontinentalität Europas.
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Man kann annehmen, daß das Ostseegebiet im Winter einerseits den von
Westen kommenden maritimen Luftmassen länger als das Binnenland eine Be-
wahrung ihrer Luftkörpereigenschaften ermöglicht, andererseits auch von Nord-
osten oder Osten kommende kontinentale Massen wenigstens in ihren unteren
Schichten schon maritim beeinflußt. Im Hinblick auf das Klima und damit auf
die größere oder geringere Kontinentalität der Küstenzone ist diese geringfügige
Beeinflussung aber bereits von wesentlicher Bedeutung, ohne daß sich vielleicht
der Gesamtcharakter des Luftkörpers damit schon geändert hat.
Dieser Umwandlungsprozeß der Luftmassen kann mit allen seinen Feinheiten
in der Formel von Dinies nicht mit der erforderlichen Genauigkeit berücksichtigt
werden. Infolgedessen ergibt die Darstellung von B. nur einen gewissen Aus-
druck für die Häufigkeit und die Weite des Vordringens maritimer Luftkörper
nach Osten. Die vielfältigen Beeinflussungen dagegen, denen diese Luftkörper
auf ihrem Wege in Abhängigkeit von den geographischen Bedingungen an ihren
Unterseiten unterliegen, kommen bei B, nicht genug zum Ausdruck, Aber gerade
diese Feinheiten gestalten das Klima und sind infolgedessen auch für die klima-
tische Kontinentalität oder Ozeanität eines Ortes mit entscheidend.
Man muß hieraus wieder den Schluß ziehen, daß der Luftkörperbegriff für
eine genauere regionale Klimauntersuchung nur mit größten Schwierigkeiten
anzuwenden ist und zur Untersuchung der Kontinentalität nach der jetzigen
Formulierung von Dinies noch nicht geeignet ist.
Als einen Vorteil seiner Methode hat B. es bezeichnet, daß sie es ermöglicht,
den jährlichen Gang der Kontinentalität zu verfolgen. Es zeigte sich dabei,
daß „naturgemäß das Klima im Winter kontinentaler ist als im Sommer“. Die
Gültigkeit dieses Satzes kann wohl nicht ohne weiteres anerkannt werden.
E. Alt (s) z. B. kommt in bezug auf Deutschland zu dem Schluß, „daß im
Winter die ozeanischen Einflüsse in Deutschland weitaus vorherrschend sind,
daß dagegen im Sommer die kontinentalen Einwirkungen sich viel kräftiger
auswirken“. Auf dieser jahreszeitlichen Verschiedenheit beruht ja gerade die
außerordentliche Gunst des mittel- und westeuropäischen Klimas (im Gegensatz
etwa zu den Oststaaten von Nordamerika).
Die Ursache dafür ist in der stärkeren Ausbildung. des isländischen Aktions-
zentrums im Winter’zu erblicken, auf dessen Süd- und Südostseite die ozeanischen
Luftmassen in stärkerem Maße auf das Festland geführt werden als es bei der
veränderten Drucklage und den geringeren Druckgradienten im Sommer der
Fall ist. Hinzukommt, daß im Winter die Meeresluftmassen im allgemeinen eine
stärkere Bewölkung haben als im Sommer, weil im Sommer das Meer gegen-
über dem Festland kalt ist. Infolgedessen können die den geographischen
Bedingungen entsprechenden Strahlungseinflüsse und damit kontinentale Ein-
flüsse im Sommer ungehinderter zur Geltung kommen als im Winter.
Diese Verhältnisse werden in den bekannten Karten der mittleren Druck-,
Wind- und Temperaturverteilung über Europa im Januar und Juli näher be-
leuchtet und finden einen besonders guten Ausdruck etwa in den Isanomalen
der Temperatur (nach mittleren Temperaturen der Breitekreise) (e), in denen
sich zeigt, wie stark sich gerade im Winter der Einfluß des Meeres speziell auf
die Temperaturverhältnisse Europas geltend macht. Man muß es wohl wahr-
scheinlich ebenfalls als eine Folge der mangelnden Exaktheit des Luftkörper-
begriffes in thermischer Hinsicht ansehen, wenn die Untersuchung von B. zu
einem anderen Ergebnis gelangt ist,
Abschließend möchte sich Verf, einer Feststellung anschließen, die unlängst
von geographischer Seite, von H. Lautensach, aus anderen Erwägungen heraus
getroffen wurde (7): „Gewiß war der Gedanke von Dinies, die Kontinentalität
auf den synthetischen Charakter der Luftkörper und nicht auf die Jahres-
schwankung eines einzelnen Elementes zu gründen, sehr verlockend. Aber seine
Verwendungsfähigkeit ist eben eine sehr beschränkte, Bei einem weltweiten Ver-
gleich ist meines Erachtens die Jahresschwankung der Temperatur, nach der Formel
von Gorczynski-Maisel des Einflusses der geographischen Breite und der Höhen-
lage entkleidet, immer noch der beste Gradmesser für die Kontinentalität.“