E. Engelenbur<z, C. I.: Aerodynamische Theorie der Gewitter.
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In der Nordsee liegt ein fortwährend tiefer werdendes ausgedehntes Luftdruck-Minimum, an dessen
südöstlicher Seite ein Gebiet hoher Temperatur und ein, durch eine Ausbuchtung der Isobaren angedeuteter,
schwach aufsteigender Luftstrom entsteht. Die Erwärmung dieses Theiles nimmt stark zu und so entwickelt
sich in Verbindung mit dem Hauptminimum ein Strich oder eine Rinne niedriger Barometerstände. Bei der
weitergehenden Bewegung nach NO des Hauptminimums dreht sich diese Furche niedrigen Druckes um das
Hauptzentrum in einer der Bewegung der Uhrzeiger entgegengesetzten Richtung. An der Ost- (Vorder-)
Seite dieser trogförmigen Rinne entwickelt sich nach und nach ein schwacher südlicher bis südöstlicher
Luftstrom, welcher aus dem Inneren des Festlandes stammend die Temperatur noch mehr zum Steigen
bringt. An der Rückseite wird der da unter Einfluss des Hauptminimums wehende SW-Wind von dem
strichförmigen Minimum stark angezogen und nach W und NW abgelenkt. Diese kalte, schwere Luft, welche
bei dem Fortgang des Minimums immer mehr aus NW stammend und deshalb einen immer grösser werden
den Gegensatz mit der warmen, feuchten, südöstlichen Strömung bilden wird, senkt zur Erdoberfläche und
drängt die warme, feuchte Luft in die Höhe. Dieser Vorgang ist die eigentliche Veranlassung zur Bildung
der Gewitterböe. Die ganze Erscheinung, obschon am intensivsten im südöstlichen Quadranten des Mini
mums, ist nicht uotlnvendig hieran gebunden, doch in der ganzen rechten Hälfte möglich. So zum Beispiel
trat die Eurydice-sijuall am 24. März 1878 rechts und hinter dem Minimum auf. Im südöstlichen Quadranten
wird der Gegensatz der Luftmassen vor und hinter der Druckfurche hauptsächlich von der warmen, feuchten,
südöstlichen Strömung gebildet, welche dabei fortwährend eine Neubildung der Erscheinung veranlasst An
der westlichen Seite des Hauptminimums ist es hauptsächlich der kalte, trockene NW-Wind, der den Gegen
satz bildet. Die ganze Erscheinung hat ihren Sitz, wie Koppen gelehrt hat, in den untersten Schichten
der Atmosphäre. In grösseren Höhen bleibt die allgemeine Luftzirkulation unter Einfluss des Hauptminimums
ungestört. Wir finden also an der Rückseite der Fluche niedrigere Barometerstände, nach der Gestalt der
Isobaren auch V-förmige Depression genannt, unmittelbar auf der Erdoberfläche ein kalter Luftstrom mit
einer Frontbreite von vielen Meilen in die warme, feuchte, schwach steigende Luftmasse eindringend. An
dem vorderen Rande dieser Strömung, gebettet in ihrem oberen Tlieile, entsteht ein horizontaler Wirbel,
bisweilen von einigen kleineren gefolgt. Diese bilden den Sitz der Erscheinung.
Bevor wir diese Analyse weiterführen, müssen wir die Erscheinung beschreiben, wie sie sich an einem
heiteren, schwülen Tage mit massigem oder schwachem Winde dem Beobachter zeigt und von seinen Instru
menten aufgezeichnet sind.
Anfangs erscheinen kleine, sogenannte falsche Cirri am westlichen Himmel; bald wird da der ganze
Himmel mit Cirro-cumuli und später mit einem sich ausbreitenden Cirro-stratus-Schirm überzogen, bis zuletzt
unter dieser immer dichter werdenden Decke eine grosse wulstförmige dunkle Wolkenmasse mit grosser
Geschwindigkeit zum Zenith hinaufzieht. Vom Perspektiv gekrümmt erscheint dieser kompakte, beinahe
schwarze Wolkenwulst wie ein grosser Bogen mit den beiden Schenkeln auf dem Horizont ruhend. Der
vom Bogen umschlossene Theil des Himmels zeigt eine gleichmässige lichtgraue Farbe. Dies ist das so
genannte Regensegment. Beim Herannahen des Wolkenwulsts zeigt sich die ganze Masse in heftiger Be
wegung, und zwar ist der eigentliche Bogen scharf begrenzt, doch jagen etliche kleinere lose Wolkenfetzen
an der unteren Seite nach vorne, an der Vorderseite nach oben, noch tiefer wirbeln die vom herannahenden
Sturmwinde aufgepeitschten Staubmassen durch die Luft. Die Finsterniss mehrt sich stark und in dem
Augenblicke, wo der Wolkenwulst durch den Zenith eilt, unterbricht ein starker westlicher Windstoss die
herrschende Stille, bisweilen von Orkankraft mit verheerenden Wirkungen begleitet. Der Sturmwind dauert
nur kurze Zeit, 8 bis 15 Minuten, und nach dem ersten kräftigen Stoss mindert er sich schnell. Zu gleicher
Zeit mit dem Sturmwind fallen einige grosse Regentropfen, welche sehr bald in einen wahren Platzregen
übergehen; dann wird es auch merklich heller. Der tiefliängende Wolkenkragen ist am Zenith vorüber.
Aus der darauffolgenden höheren grauen Wolkendecke fällt der Regen in Strömen nieder. Zwar ist es
lichter geworden, doch jetzt ist die Fernsicht vom fallenden Regen genommen. Die Intensität des Regens
ist örtlich in dem Wolkenwulst sehr verschieden und geht bisweilen ganz in Hagelschlag über. Kommt solch
ein Theil über den Beobachtungsort, dann folgt unmittelbar auf den Windstoss ein Hagelschlag, welcher
erst nach einigen Minuten in Regen übergeht. Kurz nach dem Losbrechen des kräftigen Regens erscheinen
auch die Blitze über dem Beobachtungsort. Auch diese sind lokal und mit der Zeit sehr verschieden an
Intensität. Bisweilen unterbleiben sie stellenweise gänzlich oder es werden nur schwache Donnerschläge
nach dem Vorüberziehen des Wolkenkragens gehört, so z. B. am 9. August 1881. Ein anderes Mal folgt