Goedecke, E.: Die heutige Kenntnis v, d, Morphol. u. Hydr. d. Helgoländer Tiefen Rinne usw, 407
Nordhang der Tiefen Rinne im Gegensatz zum Südhang. Dieser untermeerische
Steilabfall am Helgoländer Felssockel im Norden der Rinne weist einen maxi-
malen Böschungswinkel von 9.2° auf, dagegen am südlichen Hang durchschnittlich
nur von 0.57% Während der Nordhang gleichmäßig bogenförmig ausgebildet
ist, sind im Süden der Rinne Auslappungen vorhanden, Im Gegensatz zu der
Darstellung der 50 m-Isobathe im Südwesten von Helgoland in der vom Verfasser
wiedergegebenen Tiefenkarte (:) zeigt die Casperssche Topographie in dieser
Gegend eine in die Tiefe Rinne hineinragende schmale Zunge geringerer Tiefe,
Ferner wird von Caspers bewiesen, daß die tiefste Rinne (größer als 55 m)
dieser submarinen Vertiefung ein einheitliches Gebilde ist [vgl. die Ausführungen
anter (3) auf S. 164].
Über die Entstehung der Helgoländer Tiefen Rinne sind in letzter Zeit viele
Theorien geäußert worden, Es ist in diesem Zusammenhang wichtig zu betonen, daß
die Eintiefung sich in nur wenigen Kilometern Abstand von der Buntisandstein-
aufragung innerhalb der Oberen Kreide befindet und nicht an der Grenze dieser
beiden geologischen Formationen, Da der Nordseeboden im Gebiet.der saxonischen
Bruchschollen-Tektonik liegt, haben im Laufe der geologischen Perioden Hebungen
and Senkungen einzelner Schollen innerhalb des Nordseeraumes stattgefunden. Im
Tertiär wurde der Helgolandsockel horstartig herausgehoben, Durch im Dilu-
vium einsetzende Meereseinbrüche unter Mitwirkung von Verwitterung und
Abtragung wurde der Helgolandfelsen geschaffen. Die Eisbedeckung und ihr
Rückzug sowie die mit ihnen verbundenen hydrographischen Verhältnisse sollen
die Ursache für die Entstehung der Tiefen Rinne gewesen sein. Nach Pratje
[zitiert bei (s)] ist sie als Teilstück des großen Urstromtales der Elbe aufzu-
fassen. Der Süden des Helgoländer Gebirges war Praillhang des Urelbtales.
Eine andere Theorie sagt aus, daß der Helgoländer Buntsandsteinsockel als
Salzhorst, der von vielen Verwerfungen und Brüchen begleitet wurde, entstanden
ist, Die Tiefe Rinne ist daher ein Grabenbruch, der aber, wie oben schon mit-
geteilt, nicht an der Grenze Buntsandstein—OÖbere Kreide eingebrochen ist, Das
ist bis heute noch schwierig zu deuten, Es wird daher versucht, beide Theorien
so gut wie möglich miteinander in Einklang zu bringen. Die Urelbe soll dem-
nach eine vorhandene geologische Schwächestelle (Depression) im Helgoländer
Bruchschollengebiet weiter ausgearbeitet haben, Die Entstehung der Tiefen Rinne
als Graben hat also im Diluvium und die weitere Ausräumung im Postglazial
stattgefunden. :
Nach neueren Untersuchungen von Voigt [zitiert bei (4)] soll die Tiefe Rinne,
ohne auf die Grabenbruch-Theorie zurückzugehen, durch Salzabwanderung zu
den Sätteln hin, bei der sich Senkungen in der Nähe des Sattels gebildet haben,
entstanden sein,
Nach einer neuen bisher unveröffentlichten Theorie von Pratje [zitiert bei (4)]
sind für die Entstehung der Rinne allein die in postglazialer Zeit vorhanden
geweSenen Meeresströmungen verantwortlich zu machen, Durch Stromstauungen
am Helgolandsockel und damit verbundene Einwirbelungen wurde die Rinne aus-
gekolkt, Es ist nur schwierig, sich klar zu machen, wie allein durch die Kraft
der Meeresströmungen vor Hindernissen derartige submarine Vertiefungen ent-
stehen können. Dazu gehören nach Ansicht des Verfassers mindestens Kräfte,
die ungefähr denjenigen von Gebirgsflüssen entsprechen. D.h, mit anderen Worten,
die ausräumenden Kräfte der Meeresströmungen am Boden der südlichen Deutschen
Bucht müssen ein. Vielfaches von dem betragen haben, was heute in diesem Meeres-
gebiet sowohl an der Oberfläche als auch in der Tiefe beobachtet wird,
Zum Schluß soll noch auf eine Arbeit mit Ergebnissen gravimetrischer
Messungen, die auf einer Fahrt von Hamburg in die Nordsee östlich an Helgo-
land vorbei mit dem statischen Schweremesser ausgeführt wurden (7), aufmerksam
gemacht werden, Es heißt in dieser Veröffentlichung u.a, wörtlich:
„Wir sehen, daß sich das Gebiet positiver Schwerestörung, auf welchem
Hamburg liegt, sich noch bis Kolmar {südlich von Glückstadt)} fortsetzt,
am dort scharf abzubrechen, Vor der Elbmündung erscheint ein Gebiet
positiver Schwerestörung etwa von nördlich Neuwerk bis vor der Höhe
Anz. d. Hydr. usw. 1940, Heft XII ‚