Dieozeanographischen Verhältnisse während der Ankerstationdes „Altair“
am Nordrand des Hauptstromstriches des Golfstromes nördlich der Azoren
(44° 33 N-Br., 38° 58’ W-Lg., 16. bis 20. Juni 1938).
Von A, Defant, Berlin,
Das ozeanographische Beobachtungsmaterial, das auf dem Forschungsschiff
„Altair“ während seiner 90stündigen Verankerung in der Zeit vom 16. bis
20, Juni 1938 gesammelt worden ist, ist in der vorhergehenden Lieferung, nach-
dem es entsprechend reduziert worden ist, in exienso veröffentlicht. Die wissen-
schaftliche Verarbeitung desselben soll in folgenden Ausführungen mitgeteilt
werden; sie sollen uns ein Bild des ozeanographischen Zustandes der Wasser-
massen und seiner Anderungen geben, die am Nordrande des Hauptstromstriches
des Golfstromes nördlich der Azoren während der Verankerung vorbeigeflossen
sind. Es erschien zweckmäßig, für sich zunächst die Strommessungen, sodann
die ozeanographischen Serienmessungen und schließlich das Zusammenspiel aller
ozeanographischer Faktoren zu behandeln.
1. Die Strommessungen auf der Ankerstation des „Altair“ und ihre Analyse.
Die Abb. 1 und 2 [S. 4 u. 5] geben die graphische Darstellung der Strombeob-
achtungen, zerlegt nach Nord- und Ostkomponenten, für den ganzen Zeitraum der
Messungen, und zwar enthält Abb. 1 die Nordkomponente für alle Tiefenhori-
zonte 5, 15, 30, 50, 100, 300, 500 und 800 m untereinander und ebenso Abb. 2 die
Ostkomponente. Die zu den einzelnen mittleren Zeiten jeder Messung eingetragenen
Werte wurden geradlinig verbunden und ergaben den gebrochenen Linienzug jeder
Tiefe. Schon der bloße Anblick dieser Kurven zeigte, daß die Stromverhältnisse
auf der Ankerstation während der Verankerungsperiode sehr kompliziert gewesen
sein müssen, Die vorkommenden, nicht unbeträchtlichen periodischen Schwankungen
haben in keiner Weise den Charakter reiner, ausgebildeter Gezeitenströme; neben
diesen muß sicherlich während der ganzen Beobachtungszeit eine andere periodische
Schwankung ähnlich kurzer Periode und ebenso großer, wenn nicht größerer
Amplitude vorhanden gewesen sein. In Superposition mit dem halbtägigen Ge-
zeitenstrom hat diese Schwankung im Stromablauf deutlich zu Schwebungen
Veranlassung gegeben. Sowohl im der Nord- wie in der Ostkomponente ist
meistens im mittleren Teil der Beobachtungszeit eine solche Schwebung zu sehen,
wobei es, wie es bei solchen stets der Fall sein muß, zu einem scheinbaren
Phasenwechsel der Schwankung kommt.
Die nähere Analyse dieser Stromkomponenten, die nach verschiedenen Methoden
durchgeführt wurde, ergab immer wieder das überraschende Ergebnis, daß neben
der halbtägigen Gezeitenperiode stets eine Schwankungsperiode mit einer Dauer
von 17 Stunden auftritt, die zwar nicht in allen Tiefen gleicher Phase, aber
immer kräftiger Amplitude war, Die Superposition einer 17 Stunden-Welle und
der halbtägigen Gezeitenwelle von 12.3 Stunden Dauer führt in allen Fällen zu
einem auffallenden Amplitudenverlauf, der eben den Charakter von Schwebungen
hat, Denn im einfachsten Fall sind bei gleicher Amplitude beider Wellen (t in
Stunden):
acos (7 6— 01) + 006 (zz t— a) = 20000 (7 t— ADS) cos (Ze Are),
Die Superposition beider Wellen ergibt eine Welle mit einer Periode von
14.3 Stunden, deren Amplitude aber mit einer Periode von 44.5 Stunden — 1,86 Tagen