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Full text: 68, 1940

Ann. d. Hydr. usw., LXVIIL Jahrg. (1940), Heft X, 
341 
Zu Alfred Wegeners 60. Geburtstag. 
Von Dr. J. Georgi, Hamburg, Deutsche Seewarte, 
Am 1. November würde Alfred Wegener 60 Jahre alt geworden sein. Mit 
50 Jahren schon, mitten aus der höchsten Schaffenskraft eines ungewöhnlich 
begabten Mannes, wurde er herausgerissen, als er im November 1930 droben auf 
dem Inlandeis Grönlands beim Rückmarsch von „Eismitte“ zur Weststation am 
Herzschlag starb. Heute, nachdem die Forschung ein Jahrzehnt weitergeschritten 
ist, darf es vielleicht gewagt werden, Wegeners Lebenswerk auf seine noch 
heute aktuelle Bedeutung zu überschauen, 
Blicken wir zuerst auf Wegeners große geophysikalische Theorie der Ent- 
stehung der Kontinente und Ozeane, die heute stets mit seiner zusammen mit 
W. Köppen ausgearbeiteten Theorie der Klimate der geologischen Vorzeit genannt 
werden muß, so zeichnet sich jetzt wohl schon der Umfang ihrer Auswirkung 
für die Geophysik ab: Sie ist aus ihr nicht mehr wegzudenken als ein Gedanken- 
yebäude, das ohne die Einführung neuer, unbekannter Kräfte ad hoc, nur durch 
Zusammenfassung und geistige Durechdringung des bis dahin vorliegenden Beob- 
achtungsstoffes, einen höchst fruchtbaren Weg für die Erklärung der Entwick- 
ljungsgeschichte der heutigen Oberflächenform der Erde gegeben hat. Darüber 
hinaus hat Wegeners Theorie sich als eine Arbeitshypothese von größter Wirk- 
samkeit für die Ordnung und Vermehrung der Forschungsergebnisse weit über 
den Rahmen der Geophysik hinaus erwiesen, Es mag kaum bis dahin denkbar 
zewesen sein, der geophysikalischen Erforschung in derartigem Umfang weit 
abliegende Einzelbeobachtungen aus Geologie und Mineralogie, Geographie, Klima- 
kunde, Astronomie, Botanik und Zoologie dienstbar zu machen, 
Es spricht keineswegs gegen Wegener, sondern im Gegenteil für die Frucht- 
barkeit und damit den Wert seiner Arbeitshypothese, daß sie durch mänche uner- 
wartete, widersprechende Beobachtungen weitgehend abgeändert werden mußte und 
konnte. Denn die Wahrheit wird auch im Bezirk der Wissenschaft nur im Kampfe 
errungen, und wesentlich ist nicht das Ziel, sondern die stetige Richtung darauf, 
So ist Wegeners großartige Schau der horizontalen Verschiebung der Erdschollen 
ein Bestandteil der heutigen Geophysik geworden, mag der einzelne Forscher ihr 
mehr oder weniger Wirksamkeit für die Gestaltung unserer Erde zumessen. 
Das zweite große Forschungsgebiet Wegeners betraf die Physik der Atmo- 
sphäre. Hier hat er fast auf jedem Einzelgebiet Bleibendes geschaffen, Der 
Zusammenhang der bodennahen Temperaturschichtung mit Luftspiegelungen und 
die Entstehung der luftoptischen. Erscheinungen in den Eiswolken der höchsten 
Troposphärenschichten bleiben mit seinem Namen verknüpft, ebenso wie die 
Ordnung, die er in das früher vernachlässigte Gebiet der Tromben gebracht 
hat. Luftwogen und andere Besonderheiten der Inversionsschichten, stehende 
Föhnwellen und fast alle anderen Wolkenformen sind von ihm mit Liebe beob- 
achtet und einer physikalischen Betrachtung unterworfen worden, die sich in 
den meisten Fällen als glücklich erwiesen hat, Schließlich galt sein Interesse, 
gemäß seinem Ausgang von der Astronomie, stets den uns unmittelbar nicht 
zugänglichen höchsten Schichten der Lufthülle, von denen uns u, a, die sie durch- 
setzenden Meteoriten Kunde bringen. Mag auch sein hypothetisches Geocoronium 
nicht nachweisbar sein, so verschwindet ein solcher Fall, wie er jedem frisch 
zupackenden Forscher zustößt, spurlos in der überreichen Fülle lebensfrischer Ge- 
danken und Beobachtungen, die zum Gemeingut jedes heutigen Forschers gehören, 
Die Aktualität dieser Arbeiten Wegeners, sowie der glaziologischen Arbeiten, 
die sein letztes wissenschaftliches Werk darstellen sollten, rührt daher, daß er 
kein Theoretiker war, kein Schreibtischmensch, sondern ein Mann der Tat, der 
seine Ergebnisse zumeist durch besonders entwickelte Anschauung fand (vgl. die 
Anregung, die er durch den Vergleich der Küstenlinie Amerikas und Europa— 
Afrikas für die Kontinentalverschiebungstheorie erhielt), der die Erforschung 
der Atmosphäre „mit eigener Hand“ an der Drachen- und Ballonwinde, am 
Ann. d. Hydr, usw. 1940, Heft X.
	        
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