332 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1940.
denen an jeder Bodenfalte der Staub aufgewirbelt, ähnlich wie Pulverschnee am
Grat, und in wenigen Metern Höhe über dem Boden dahingefegt wird. Es gibt
aber auch Tage, an denen die gleiche Windstärke ungeheuere Staubwolken von
vielen hundert Metern Höhe vor sich herjagt, die die Luft verdunkeln und jede
Sicht unmöglich machen, Bei schwachem, turbulentem Wind kann man aus W
die gelbe Staubwand mit großer Geschwindigkeit auf sich zukommen sehen,
Plötzlich nimmt der Wind Sturmgewalt an, man muß sich gegen ihn stemmen,
der Staub hüllt den Menschen ein, die Sonne ist verschwunden, und es herrscht
eine eigentümlich braune Beleuchtung. Meist fallen auch einige Regentropfen,
Der Staub dringt in die Augen und knirscht zwischen den Zähnen, mit dem
Motorrad weiter zu fahren, ist unmöglich. Die Dauer eines solchen Staubsturmes
beträgt meist etwa eine halbe Stunde. Der Staub dringt selbst durch die feinsten
Ritzen in die Zimmer ein. — Diese Staubstürme haben sich bis zum 26. Mai 1940
verschiedentlich wiederholt. Erst vom 30. d, Mits. an werden die Tage endlich
wärmer, und die Nachmittagsstürme bleiben aus. Die Hunde verlieren ihre
dicken Winterpelze und sehen schäbig aus. Menschen und Tiere werden faul
und schläfrig. A. Heuss.
2. Meteorologie und Medizin. Schon vielfach wurde von verschiedenen
Seiten auf die nahe Verwandtschaft der beiden Disziplinen hingewiesen, Ver-
fasser unternahm an anderer Stelle!) den Versuch, auf die Verwandtschaft der
Wetterkunde mit der Biologie einzugehen: Die Niederschläge der Philippinen-
Inseln zeigen in den Monaten Dezember bis März durchschnittlich geradezu
mitteleuropäische Verhältnisse, die sich als „dominant“ erweisen. Auf der anderen
Seite stehen dieser Tatsache die „rezessiven“ Merkmale, der tropische Charakter
des Regenfalles dieser ostasiatischen Inselgruppe in manchen der Wintermonate
gegenüber, die Grenzwerte von nahezu 300 mm bei einem Mittel von nur 30 mm
liefern und so die wahre „Erbmasse“ des Regenelementes erst erkennen lassen.
Ähnlich wie zwischen Astronomie und Atomlehre können wir in unserem
Falle vom Makrokosmos, dem Zusammenspiel der Atmosphärilien, und vom Mikro-
kosmos, dem Zellenstaat Mensch, sprechen, Freilich, wenn der Mediziner von
Krankheit spricht, so ist uns Meteorologen dieser Ausdruck beim Wetter unbe-
kannt, Wir können höchstens sinngemäß die Worte Wetterverschlechterung oder
Abweichung vom Normalfall an diese Stelle setzen, Dagegen sind uns wieder
die Ausdrücke Diagnose und Prognose wohlbekannt, wenngleich vom Arzte, der
sich mit der ersteren begnügt, Prognosen nur in selteneren Fällen verlangt
werden. Seine Diagnose kommt vielleicht unserer modernen Luftmassenanalyse?)
gleich, und wenn er gelegentlich aus dem Zustand einzelner Organe eine Krankheit
erkennen kann — beispielsweise Scharlach nach der charakteristischen „Himbeer-
zunge“ —, so sind damit unsere Untersuchungen an Einzelfeldern®) zu vergleichen,
die z. B. sagen, daß bei präfrontaler Sichtbesserung eine verzögerte Kaltfront
herannahen kann.
Die Ausdrücke akut und chronisch lassen sich in der Meteorologie vorzüglich
bei den Gewittern anwenden, Ein Wärmegewitter?) bringt höchstens eine akute
Wetterverschlechterung, ein Einbruchgewitter dagegen läßt sie chronisch werden,
Die Worte exogen und endogen werden zwar in der Wetterkunde nicht oder nur
selten gebraucht, allein die damit bezeichneten Kräfte sind aber auch hier vor-
handen, So kann ein Winter durch „Hinaufschaukeln“ tiefe Temperaturen ®)
erreichen, die nur aus der besonderen Wetterlage heraus erklärt werden können,
wenngleich vielleicht daran auch exogene Kräfte (Sonnenflecken!) gerade infolge
giner gewissen Periodizität®) teilhaben’) können.
4) Gerhard Schindler: Das Gebirgsklima der Philippinen-Inseln, Meteor. Zeitschr. 1936/6. —
3 Gerhart Schinze: Die praktische Wetteranalyse, 1932, S, 19, — % Gerhart Schinze: Die Er-
Zennung der troposphärischen Luftmassen aus ihren Einzelfeldern, Meteor. Zeitschr. 1931/5. — %) Georg
Böhme: Der aerologische. Zustand der Atmosphäre bei Gewitterlagen, Zeitschr. f. angew. Meteor,
„Das Wetter‘, 1934, 8. 273 ff; — 5) August Schmauß: Zur Kausalität ungewöhnlicher Witterungs-
zreignisse, Zeitschr, f. angew. Meteor, „Das Wetter“, 1929, S. 353 ff, — %) R. Hennig: Vorgänger
des „großen Winters‘ 1939/40, „Kosmos“, 1940, 5. 125f. — 7) Mignel Selga: The Severity of
Summers at. Manila, Manila 1931,