Frank, H.: Über See und Wind,
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bei fMüchtiger Beobachtung scheint, sondern sehr regelmäßig — man überzeuge
sich auf See! Wegener leitet dies aus der Verdrehung der Wellenfronten durch
die ablenkende Kraft der Erddrehung her — wie ich es 1929 versuchte, aber
wieder davon abkam. Von anderer Seite wurde auf den Unterschied — Groß-
kreis-Windbahn — hingewiesen, was sicher falsch ist.
Die inneren Maßverhältnisse des Seegangs und vieler anderer Erscheinungs-
lormen der See lassen eine etwas einfachere Erklärung zu, die auf der Rück-
wirkung der Brecher auf den Seegang beruht. Es ist leicht zu beobachten, daß
der Schaum, der beim Brechen einer Welle entsteht, eine ähnliche Wirkung
ausübt wie Seifenwasser oder U0l. Er glättet die Oberfläche und bietet einem
Boot Schutz, wenn nur genügend Schaum gebildet wurde. Eine See kann fast
nie in einem größeren Schaumfleck brechen, Wesentlicher ist noch die Wirkung
des beim Überbrechen einer See verwirbelten Wassers, Bei hohen Windstärken
nimmt an dem Überbrechen der See nicht nur ein kleiner Wuschelkopf teil,
sondern eine Menge massiven Wassers, aus dem der gefährliche „Brecher“ be-
steht. Wenn man sich nun überlegt, wie diese übergebrochenen Wassermassen
auf die folgenden Wellen wirken, so müssen die verwirbelten Wassermassen als
Fremdkörper auf die folgenden Wellen wirken und diese Wellen nach Lee
— bezogen auf das Wirbelwasser — beugen. Sind nun die Wellen schon nahezu
instabil geworden, so brechen sie hier zusammen. Man beobachte dieses auf See!
Es scheint, daß diese Beugung zum Wegenerschen Brechergesetz führt.
Wir zeigen seine Fruchtbarkeit: Weshalb entstehen erst ab Windstärke 8
Schaumstreifen auf der See?
Unterhalb Beaufort 8 sind die Brecher go klein, daß die durch sie ver-
wirbelten Wassermassen unbeträchtlich im Verhältnis zum Wellensystem sind,
ab 8 erreichen sie eine solche Mächtigkeit, daß sie die folgenden Wellen einer
Gruppe stören und der Reihe nach zum Brechen bringen, der Schaumstreifen
wird gezogen, er ist höchstens so lang wie die sieben Wellen einer Gruppe,
meist kürzer.
Warum nehmen bei zunehmendem Wind und langer Windbahn die großen
Wellen eine immer beherrschendere Stelle ein?
Die Rückwirkung der brechenden Seen löscht stets die kürzesten Wellen
aus, Nur Wellen, die groß sind im Verhältnis zu den Wirbelwasserfeldern können
bestehen, wie aus den Gesetzen der Beugung hervorgeht. [Dazu kommen die
üblichen Erklärungen, die alle etwas Richtiges enthalten.]
Wie kommen schiefe brechende Seen zustande? Es ist den Seeleuten bekannt,
daß bei völlig regelmäßig wehendem Wind hin und wieder sehr unangenehme
Wellen vorkommen, die schräg zum allgemeinen Wellensystem laufen. Die Ver-
schränkung kann man so erklären: Beim Überbrechen einer besonders hohen
See entsteht ein neues Wellensystem, das sich nach allen Seiten ausbreitet.
Interferiert dies mit instabilen Wellen, so gibt es schiefe Brechseen.
Bei einigem Nachdenken findet man auch, daß die Rückwirkung der brechen-
den Seen auf den Seegang zu einer Begrenzung der Kammlänge der Wellen-
Ironten führt — und vielleicht auch der Schlüssel zu den Wellengruppen über-
haupt ist,
Für einen aufmerksamen Beobachter werden diese Dinge in der Natur eine
erstaunliche Bestätigung finden, beruht ihre Kenntnis doch auf See-Erfahrungen,
zumal in kleinen Booten, die eine Beobachtungsmöglichkeit geben, die weit besser
ist als die auf größeren, insbesondere maschinengetriebenen Schiffen,
Für den Seemann ist ihre Kenntnis von unschätzbarem Wert — gute See-
ijeute wissen unbewußt mehr davon als viele dicke Bücher,
Es sei noch auf die Formen des Seeganges in strömenden Gewässern hin-
gewiesen. Bekannt ist die unangenehme See in den Wattengebieten, wenn der
Strom gegen den Wind steht. Die naheliegende Erklärung, daß es ja auf die
relative Geschwindigkeit zwischen Wind und Wasser ankommt, ist falsch. Der
Grund ist ein anderer, Fast alle strömenden Gewässer sind turbulent und zeigen
gegenüber winderzeugten Wellen vom stromlosen Wasser abweichende Verhält-
nisse. In der stromlosen Ostsee, die laminar geschichtet ist, bildet sich bei