Frank, H.: Über See und Wind.
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Stellt man die Frage, ob See 3 in den verschiedenen Meeresgebieten auf-
treten kann, so wird sie unterschiedlich beantwortet. Manche meinen, See 9 könne
in der westlichen Ostsee überhaupt nicht vorkommen, da „die Wellen nie so
hoch werden, daß in Sicht befindliche Schiffe so tief in die Wellentäler ein-
sinken, daß sie außer Sicht kommen“. Man sagt aber nicht, ob es sich um Schiffe
von 1000 %£ oder 10000 t oder gar um Boote handelt. Bei diesen kommt es
natürlich sehr wohl auch in der Ostsee vor. Die flüchtige Untersuchung des
Seegangsproblems von dieser Seite her zeigt eine ziemliche Verwirrung, die nur
deshalb nicht in Erscheinung tritt, weil alle Beteiligten so ungefähr dieselben
unklaren Begriffe von diesen Dingen haben,
Da außerdem auf Grund der Gewöhnung die Seegangsskala einigermaßen
den praktischen Bedürfnissen insbesondere der Fliegerei gerecht wird, besteht
von hier aus kaum ein Bedürfnis, das ganze Problem neu anzufassen. Die See-
gangsskala war von Kapt. Petersen’) auf Grund von Segelschiffsbeobachtungen
im freien Wasser aufgestellt worden. Nachprüfungen, die von mir — auch auf
großen Segelschiffen — vorgenommen wurden, befriedigten nicht immer. Die
deutschen Feuerschiffe und Küstenstationen nun, die die wesentlichen Seegangs-
beobachtungen machen, liegen fast alle nicht im freien Wasser und zudem, was
wesentlich ist, in der Nordsee alle in strömendem Wasser, Danach muß zunächst
überhaupt zweifelhaft sein, ob die Petersensche Skala, hier überhaupt an-
gewendet werden kann. Es scheint allgemein so, daß bei allen Seegangsmeldungen
immer die Dünung, sofern sie von dem gerade wehenden Wind aufgeworfen
wurde, mit hinein genommen wird,
Was ist überhaupt Dünung und was ist Seegang?
Für die folgende Betrachtung geben wir eine etwas merkwürdige Unter-
scheidung, die sich aber als zweckmäßig erweisen wird:
Seegang muß von dem gerade wehenden Wind aufgeworfen sein.
Dünung kann von dem gerade wehenden Wind aufgeworfen sein,
Es gibt also Dünung, die einem langen Windweg hinzugehört. Natürlich gibt
es auch Dünung, die überhaupt nichts mit dem Wind zu tun hat, z. B, der Dampfer-
schwell, wie man an der Küste sagt, ist eine Dünung, die nichts mit Wind zu
tun hat, ebenso die Dünung, die sich bei hart auslaufendem Strom manchmal
in den Flußmündungen findet. Die Dünung kann natürlich auch von einem
Wind herrühren, der schon seit einiger Zeit nicht mehr weht oder der irgendwo
anders geweht hat. Dann spricht man am besten von toter Dünung. Im folgenden
soll nur von lebendiger Dünung die Rede sein, die in unmittelbarem Zusammen-
hang mit dem noch wehenden Wind steht.
Wir werden nun den Komplex Wind—See untersuchen und dabei zu Ergeb-
nissen kommen, von denen nicht allzuviel bekannt sein dürfte.
Die Wellenuntersuchungen, wie sie bisher vorliegen, haben teilweise einen
recht formalen Charakter. Für uns ist es gleichgültig, ob es sich um Zykloiden,
Trochoiden oder sonstige ...-iden handelt. Bei den Wellen im Luftmeer, wie
sie in der Meteorologie untersucht werden, ist dies genau so ohne Belang, wie
z. B. das Achsenverhältnis einer elliptischen Zyklone.
Auf Grund längerer Beobachtungen in allen möglichen Gewässern und See-
gebieten glaube ich feststellen zu können, daß die Höhe der Wellen weniger
typisch für die Wirkung des Windes auf das Wasser ist als die allgemeine
Struktur der Wasseroberfläche, der Zustand der See. Dieser zeigt nämlich auf
allen Gewässern, ganz gleich ob es sich um einen Ententeich handelt oder um den
freien Ozean, weitgehend dieselben Formen, die man nirgends beschrieben findet.
Diese Zustände lassen sich so beschreiben:
Zustand 1. Die Seeoberfläche ist eben.
Bei Windstärke 0 ist sie ganz, bei 1 teilweise glatt, bei 2 rauh (wie eine Feile),
Zustand 2. Über größere Seeräume bilden sich größere Wellen,
Bei Windstärke ab 3 bildet sich also durch den Wind Dünung aus, Dabei
wird das Verhältnis Wellenhöhe—Länge des Wellenkammes kleiner, die Kämme
!}) Ann, d, Hydr. 1927, S, 69 und 394.
Ann. d. Hydr. usw. 1940, Heft VII.