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Die internationale Golfstrom-Untersuchung Frühsommer 1938
im Gebiete nördlich der Azoren.
Yon Prof, A. Dofant.
Die wissenschaftliche Untersuchung der Ozeane hat in den letzten Jahr-
zehnten eine bemerkenswerte Vertiefung erfahren einerseits durch Verfeinerung
der ozeanögraphischen Arbeitsmethoden an Bord der Forschungsschiffe, anderer-
seits durch den Ausbau der physikalischen, hydrodynamischen und chemischen
Grundlagen. für die Auswertung des gewonnenen Beobachtungsmaterials, Die
großen ozeanographischen Expeditionen, die in dieser Zeit ausgeführt wurden,
haben uns einen weiten Einblick gewährt in die geographische Verteilung der
ozeanographischen Faktoren im ganzen ozeanischen Raum und in die gesetz-
mäßigen Wechselbeziehungen, die zwischen dem thermo-halinen Aufbau des
Meeres und der in ihm vorhandenen Wasserbewegungen bestehen. Dieser Einblick
ist in seiner Wirkung gebunden einerseits an. die Dichte des Beobachtungsnetzes
der ozesnographischen Stationen, die von den Expeditionen ausgeführt wurden,
andererseits an die Annahme, daß man es innerhalb des Meeres im wesentlichen
mit stationären Verhältnissen zu tun hat, Denn nur dann sind der thermö-
haline Aufbau des Meeres und die ozeanische Zirkulation gesetzmäßig so fest-
velegt und aneinander gekoppelt, daß von der einen, Erscheinung auf die andere
geschlossen werden kann. In diesem Fall sind alle gewonnenen Beobachtungen
repräsentativ für den Beobachtungsort, und eine Wiederholung der ozean6-
graphischen Stationen würde immer zum gleichen Bilde führen. Die eingehende
Aufarbeitung des Beobachtungsmaterials aller großen. Expeditionen. hat zu dem
Schlusse geführt, daß im großen die eben besprochene Annahme tatsächlich
erfüllt ist; es besteht kein Zweifel, daß im allgemeinen die physikalisch-chemischen
Bedingungen im Meere so gelagert sind, daß die Wechselbeziehung: thermo-
haliner Aufbau—Zirkulation zum Verständnis der im Ozean vor sich gehenden
Erscheinungen in weitem Maße herangezogen werden kann, ohne daß man sich
von der Wahrheit allzuweit entfernt, Aber wir müssen uns darüber klar sein,
daß man aus dieser Wechselbeziehung nur mittlere Verhältnisse ableiten
kann und daß im einzelnen das Bild der Vorgänge in Wirklichkeit komplizierter
und. verwickelter sein kann,
Sind im Ozean unperiodische Störungen etwa ähnlicher Art wie in der
Atmosphäre vorhanden und wirken sich diese bis in größere Meerestiefen. mit
größerer Intensität aus, dann ist nicht zu erwarten, daß ozeanographische
Serienmessungen in einem weitmaschigen Beobachtungsnetz uns die ozeanischen
Verhältnisse in völlig richtiger Weise erkennen lassen; es hängt dann von der
Art und Intensität der Störung und von dem. zeitlichen und örtlichen Abstand
der Stationen ab, inwieweit man den Ablauf der Erscheinungen richtig und
genügend genau erfassen kann. Zu diesen Verhältnissen kommt noch ein Um-
stand hinzu, der Beachtung verdient, Das nähere Studium der Dynamik großer
Meeresströme hat sowohl von der theoretischen Seite wie auch von der empirischen
her gezeigt, daß zur völligen Aufklärung dieser unperiödischen Erscheinungen
ein erstens wesentlich dichteres und zweitens womöglich ein synoptisches Be-
öbachtungsnetz ozeanographischer Stationen unbedingt erforderlich ist. Nur