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Full text: 68, 1940

Defant, A: Seylla und Charrbdis und die Gezeitenströmungen in der Straße von Messina. 157 
Die Wirbel vor Scilla sind hingegen heutzutage fast bedeutungslos, aber 
es scheint, daß dies in früheren Zeiten nicht der Fall war, So wird bei 
G. Mazzarelli berichtet, daß beim Erdbeben des Februar 1783 die Felsen von 
Seilla in mächtiger horizontaler Ausdehnung ins Meer versanken und zum Teil 
jene ausgedehnten Höhlen im Meeresniveau verschwanden, die halb mit Wasser 
erfüllt, bei stürmischem Wetter jenen tosenden Lärm verursachten, der von 
Homer mit dem Heulen und Winseln von Hunden verglichen wird, Mit dieser 
morphologischen Änderung sollen auch die Seylla-Wirbel wesentlich an Aus- 
dehnung und Intensität abgenommen haben. 
Dieses nachgewiesene Nachlassen der Wirbelstärken vor Seilla läßt den 
Gedanken aufkommen, ob nicht vielleicht in früherer Zeit, im Altertum oder in 
vorhistorischer Zeit, die Erscheinungen der Soeylla und Charybdis, die von Homer 
als so furchtbar geschildert wurden, tatsächlich gewaltiger und dadurch gefahr- 
voller gewesen sind. Vom geopbysikalischen Standpunkt läßt sich eine Zunahme 
der Intensität der Gezeitenstromerscheinung und damit auch eine Verstärkung 
der Sprungwellen und der damit gekoppelten Wirbeln ohne weiteres verstehen, 
wenn man äanbimmt, daß in früheren Zeiten die Meeresstraße von Messina 
seichter und vielleicht auch enger gewesen ist. Denn mit Verkleinerung des Quer- 
schnitts, durch den im Laufe der Gezeit die Wassermassen vom Ionischen ins 
Tyrrhenische Meer und umgekehrt hindurchgeschoben werden müssen, nimmt die 
Geschwindigkeit und bei geringerer mittlerer Tiefe des Wassers auch die Turbulenz 
des Gezeitenstromes erheblich zu und beides steigert die Intensität der Wirbel 
und Sprungwellen am Nordausgang der Straße, Wird der Querschnitt der 
Meeresstraße kleiner, dann nähern wir uns dem ersten der oben geschilderten 
extremen Fälle, in dem die Trägheit der Wasserbewegung gegenüber den Rei- 
bungseinflüssen zurückiritt, Es ist deshalb, wenn in früherer Zeit die Ver- 
bindung zwischen dem Tyrrhenischen und Ionischen Meere seichter und vielleicht 
auch enger war, mit Verhältnissen zu rechnen, die mehr diesem extremen Fall 
mig seinen starken Strömen mit außerordentlicher großer Turbulenz entsprechen, 
Wird einmal in fernerer Zeit die Verbindung zwischen den beiden Meeren 
tiefer und breiter sein, dann überwiegt die Trägheit der Wasserbewegung über 
die Reibung und die Gezeiten finden den zweiten extremen Fall entsprechend 
nun im wesentlichen ungestört ihren Weg durch die Meeresstraße, Die Jetztzeit 
erscheint uns als eine Übergangszeit zwischen beiden Extremen und wir haben 
auch gesehen, daß die Phase der Gezeitenströme im engsten Teil der Straße 
sich danach richtet. Die Intensität der Stromstörungen der Sprungwellen und 
Wirbeln muß dann von früherer Zeit abgenommen haben und eine solche Abnahme 
in historischer Zeit scheint wenigstens bei den Seylla-Wirbeln eingetreten zu 
sein. Eine weitere Abnahme der Störungen wäre aber mit Zunahme der Tiefe 
und Breite der Meeresstraße von Messina zu erwarten. 
‚ Ob von vorhistorischer Zeit bis jetzt eine solche Vertiefung bzw. eine Ver- 
breiterung der Straße von Messina eingetreten sein kann oder nicht, ist eine 
rein tektonische Frage, Es scheint mir aber, daß eine solche Möglichkeit nicht 
von der Hand zu weisen ist, wenn man bedenkt, daß gerade die Meerenge von 
Messina. ein geotektonisch außerordentlich unruhiges Gebiet Ist, das dauernd von 
starken Erdbeben heimgesucht wird und fortschreitend in Umwandlung begriffen 
ist. Eine Vertiefung und eventuell auch Verbreiterung des Bruches zwischen 
Kalabrien und Sizilien in den letzten 3000 Jahren — soweit liegen wohl ungefähr 
die ersten Aufzeichnungen über Secylla und Charybdis zurück — liegt durchaus 
im Bereich der Möglichkeit, denn es handelt sich nicht etwa um große vertikale 
bzw. horizontale Verschiebungen. Eine mittlere Tiefe von etwa 50 m oder weniger 
gegenüber der jetzigen von rund 100 m würde wohl genügen, den Wirbeln von 
Scylla und Charybdis jene Intensität zu geben, die der Schiffahrt der damaligen 
Zeit sehr unangenehm werden konnte und deren Gefährlichkeit den dichterischen 
Ausfluß in Homers Odyssee gefunden hat, 
Berlin, Institut für Meereskunde, April 1940, 
Ans, &L Hydr, usw. 1940, Eeft Y.
	        
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