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Full text: 68, 1940

Ann, d, Hydr. usw., LXVILL Jahrg. (1940), Heft V. 
145 
Scylla und Charybdis und die Gezeitenströmungen 
in der Straße von Messina”. 
Von A. Defant, Berlin, 
Keine andere Naturerscheinung hat im Altertum eine so große Volkstümlichkeit 
erlangt, wie die im gesetzmäßigen Rhythmus vor sich gehenden Stromerscheinungen 
in der Meeresstraße von Messina, an die sich die homerische Schilderung der 
furchtbaren Seylia und Charybdis knüpft. Scylla- ein Ungeheuer und Scheusal, 
das in dunkler Höhle an der Südspitze der italischen Halbinsel haust und 
Charybdis, ein nimmersattes Weib, das versenkt am Küstensaum der sizilischen 
Küste fortdauernd die Wassermassen des Meeres mit großer Vehemenz einschluckt 
und ausstößt, sind die verdammten Töchter Neptuns, die in den mythologischen 
Symbolen Homers die alten Sagen der großen Gefahren, die in der Straße von 
Messina, zwischen dem Ionischen und Tyrrhenischen Meer der Schiffahrt lauern, 
zersinnbildlichen. Homer hat im 12, Gesang der Odyssee diese Ungeheuer an 
der Straße von Messina und die beim Durchfahren der Meeresstraße auftretenden 
Gefahren in eindrucksvoller Weise geschildert. In ganz ähnlicher Weise, wohl 
von der homerischen Schilderung beeinflußt, beschreibt Vergil in der Aeneis 
die Gefahren der Secylla und Charybdis, wir finden sie weiter erwähnt in den 
Metamorphosen Ovids. Auch ist jedem der Vers geläufig: 
„Incidis in Seillam cupiens vitare Charybdim.“ 
In den Pharsalia des Lucanus und auch in anderen alten Büchern taucht 
immer wieder Scylla und Charybdis auf. Zu Beginn der naturwissenschaftlichen 
Betrachtungsweise bei den alten Griechen finden wir, daß es wieder Aristoteles 
ist, der den Zusammenhang der mit dem Phänomen verbundenen Strömungen 
mit der Ebbe und Flut der Ionischen,und Tyrrhenischen Meere vorausahnt und 
näher erläutert. Die alten Legenden, die vielleicht die Gefahren der Schiffahrt 
durch die Enge von Messina übertreiben und mit phantasiereichen Mythen die 
Unkenntnis der Erscheinung verschleiern wollen, haben das Mittelalter über- 
dauert; so finden wir wieder in Dantes Göttlicher Komödie im 7, Gesang der 
Hölle einen Hinweis auf das Phänomen mit den Worten: „Gleich wie die Flut 
dort über der Charybdis sich mit der anderen bricht, an der sie brandet.“ In 
diesen Worten ist bereits die richtige Erklärung des Phänomen angedeutet, wie 
auch schon das von Homer und später von Vergil angegebene, täglich drei- 
malige Einsaugen und Ausstoßen der Wassermassen durch die Charybdis keine 
poetische Ausschmückung ist, sondern den Tatsachen entspricht. Da bei jeder 
Stromumkehr sich das Phänomen einstellt und solche Stromumkehrungen in 
einem Mondtage‘ von 24 Stunden und 25 Minuten 4mal erfolgen, entfallen auf 
einen Sonnentag tatsächlich nur 3, 
Die erste eingehende Untersuchung über die Natur und die Ursachen der 
scheinbar unregelmäßigen und turbulenten Meeresströmungen in der Straße von 
Messina verdanken wir dem französischen Vizekonsul in Messina, P. Ribaud, 
dessen Ergebnisse im Jahre 1824 veröffentlicht wurden. Auf ihn sich stützend 
hat dann L. Marini 1907 eine ausführliche Darstellung der Stromverhältnisse 
in dieser Meeresstraße gegeben, insbesondere war er der erste, der für jede 
Mondstunde das Bild der Stromvorgänge in 12 Tafeln gab, von denen 4 auch 
in das Handbuch der Ozeanographie von Krümmel übergegangen sind. In den 
folgenden Jahren haben sich mehr die Meeresbiologen für die Vorgänge in der 
Straße von Messina interessiert, Lohmann (Hamburg) und Mazzarelli (Messina) 
haben durch ein näheres Studium an Tiefseemeerestieren, deren Leben sich ge- 
wöhnlich in den tiefen Regionen von 1000 m und mehr abspielt, und die passiv 
an die Meeresoberfläche und dann tot oder im halbtoten Zustand auf den Strand 
der Meeresenge von Messina geworfen werden, gezeigt, was für ungewöhnliche 
:) Die Abbandlung erscheint zugleich in italienischer Sprache in der Zeitschrift: Geofisiea pura 
* applicata Vol, IT, 1940, Fase, 2 (Herausgeber Prof. M. Bossolaseo, Messina), 
Ann, d. Hyar. usw. 1940, Helt V.
	        
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