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Deutsche Antarktische Expedition 1935/30.
and die Eisberge geraten aber, je größer ihr Tiefgang ist, desto mehr in den
Wirkungsbereich des Unterstromes, der fast immer der Oberflächenströmung
yerade entgegengesetzt fließt. Eisberge, die manchmal mehrere hundert Meter
Tiefgang haben, da %, ihrer Masse unter Wasser liegt, stemmen sich daher dem
Scholleneis mit der Geschwindigkeit des Oberflächenstroms plus der des Unter.
stroms entgegen, stauen dieses vor sich auf und türmen es nun mit elementarer
Gewalt zu Pyramiden übereinander. Diese Gebilde mit ihren zackigen Funda-
menten und meterweit vorspringenden Sporen sind härter als Granit und bedeuten
für jedes Eisenschiff den Tod, das zwischen sie gerät und sich nicht rechtzeitig
ihrer alles zermalmenden Gewalt entziehen kann. Die Erfahrung des 20. Januar
hatte uns genügend beeindruckt, um uns bei allem Wagemut nicht doch zu
größter Vorsicht in dieser gefährlichen Nachbarschaft zu mahnen,
Den Startmannschaften kam die erzwungene Flugruhe gelegen. Sie hatten
jetzt Zeit, Überholungsarbeiten an den Flugzeugen nachzuholen, die bei der regen
Fiugtätigkeit der vergangenen Tage hatten ungetan bleiben müssen. Von dem
Umfang der von dieser Gruppe verlangten Arbeitsleistung bekommt man einen
Begriff, wenn man sich vorstellt, daß die Vorbereitungen für jeden Katapult-
abschuß wenigstens eine Stunde Zeit verlangten; hatte der geklappt, mußte das
zweite Flugzeug aus dem sogenannten „Versaufloch“ herausgekurbelt und auf
das Katapult übergeführt werden, ein Arbeitsgang von rund vier Stunden. In-
zwischen waren dann die Vorbereitungen für die Wiederaufnahme des Fernflug-
zeuges zu machen; dann erfolgte der Katapultabschuß für den Sonderflug; dann
kam das Fernflugzeug zurück, wurde mit dem Kran an Bord geholt und in das
„Versaufloch“ hinabgekurbelt und fest verzurrt. Etwas später kam dann das
zweite Flugzeug vom Sonderflug zurück, wurde nach dem Aufhieven als Fern-
Augzeug für den nächsten Morgen auf das Katapult gesetzt und für den Start
am frühen nächsten Morgen vorbereitet. In der Flugperiode hatten die Start-
mannschaften also nichts zu lachen; mit drei bis vier Stunden Schlaf mußten
sie zufrieden sein; ein schlechter Trost, daß die Hin- und Rückreise ihnen dafür
etwas mehr Muße gestattete als ihren seemännischen Expeditionskameraden, Man
darf darum die Erwähnung dieser Arbeiten gewiß nicht abschließen, ohne den
Fleiß, die Tüchtigkeit und die Gewissenhaftigkeit des Meisters der Startmann-
schaft und seiner Leute lobend anzuerkennen, Der störungslose Verlauf aller
Flüge hinsichtlich ihrer technischen Vorbereitungen ist allein ihr Verdienst.
Nach achttägigem Warten klarte das Wetter auf, und am 29, 30. und
31, Januar konnten die nächsten Fernflüge und Sonderflüge angesetzt werden,
Da die früheren Flüge gezeigt hatten, daß zwischen dem Schelfeisrand und den
Gebirgen 300 km landein nur kahles Firneis und südlich von den Gebirgen die
1000 m hohe Eishochfläche war, schien aus Gründen der Zeit- und Filmersparnis
eine andere Erkundungstaktik angebracht, nach der die Gebirgsmassive in west-
östlicher Flugrichtung erkundet und das erwähnte kahle Firneiszwischenstück
nur auf dem Hin- und Rückwege diagonal gekreuzt zu werden brauchte.
Das Ergebnis dieser drei Flüge und das der nur eintägigen letzten Flug-
periode am 3. Februar war die Erkundung des Gebirges zwischen 0° und 20°
Ost. Drei weitere mächtige Gebirgsstöcke mit einigen 4000 m hohen, zackigen
Berggipfeln und, weit Östlich von ihnen, einzelne Bergkämme und Nunataker
wurden dabei festgestellt und lückenlos von den Reihenmeßbildkammern ein-
gefangen. Ein Geländestrich in etwa 200 m Höhe über dem Meere auf etwa
121° Ost und 100 Sm landein vom Schelfeisrand verdient besondere Erwähnung;
er wurde kreuz und quer in 50 bis 100 m Höhe überflogen und eingehend photo-
graphisch aufgenommen. Zwischen dunkelrotbraunen, lehmig-felsigen, rundlichen
Kuppen ist dort nämlich eine Zahl Teiche bis 150 m Länge eingebettet, die, Ob-
wohl die Lufttemperatur am Boden unter 0° gewesen sein muß, da das Außen-
ihermometer des Flugzeugs in der Flughöhe noch — 5°C anzeigte, keine Spur
von Eisbildung aufwiesen, Ein gut gelungener Farbfilm vermittelt einen treff-
lichen Eindruck von der Landschaftsbildern der Antarktis eigenen Farbenzartheit.
Das kristallklare gegen den Himmel tiefblau leuchtende und bis auf den Grund
durchsichtige Wasser der Teiche war nach Schätzung mehrere Meter tief; das