Ritscher, A,: Die Deutsche Antarktische Expedition 1938/39,
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auffrischendem Winde mit unserem Eisenschiff nur unter einem gewissen Risiko
die Durchfahrt erzwingen können. Nordenskjölds „Antaretic“ und Shackletons
„Endurance“ wurden im Weddelmeer, dem kältesten und gefahrvollsten Gewässer
der Weit, nicht gar weit westlich von uns, auf ähnliche Art im Eis zerdrückt,
Filchners „Deutschland“ und das englische Forschungsschiff „Discovery II“ ent-
gingen diesem Schicksal mit genauer Not, zwei andere Schiffe nur mit schweren
Beschädigungen,
Waken, die in das Eis hineinführten, lockten uns in Zukunft nicht mehr.
Wir begnügten uns damit, unsere „Schwabenland“ nur möglichst hart an die
Eiskante heran zu legen und paßten brav auf, daß wir den Rücken eisfrei hielten.
Aber ähnliche Versuche erübrigten sich ohnehin, denn je weiter wir im Laufe
der kommenden Tage und Wochen unsere Abschußorte nach Osten verlegten,
desto weniger Treibeis fanden wir außerhalb des Eisgürtels, der nur noch stellen-
weise bis zu etwa 30 und 50 Sm vom Schelfeis reichte.
Das gute Wetter des ersten Flugtages schien sich für den nächsten Tag zu
halten, wenn auch die durch den rührigen Flugmeteorologen von den Walfängern
in West und Ost eingeholten Wettermeldungen, kombiniert mit seinen eigenen
Untersuchungen, eine Wetterverschlechterung bestimmt erwarten ließen; besonders
bedenklich stimmte die Meldung des Tankers „Anna Knudsen‘“, der sich für diesen
Ailfsdienst zur Verfügung gestellt hatte, Der war auf seiner Fahrt nach „Süd-
meer“ inzwischen auf 60° Süd und 17° West angekommen und hatte dort Schnee-
treiben und auffrischenden Nord-Nord-Westwind. Es zeigte sich hier, und es
wurde später noch oft unter Beweis gestellt, daß unsere starke Funkeinrichtung,
die an Reichweite der der Ozeanriesen „Bremen“ und „Europa“. gleichkommt, in
der Hand unserer drei Bordfunkoffiziere der Deutschen Lufthansa ein unent-
behrliches, nie versagendes Mittel zur Durchführung unserer fliegerischen Auf-
gaben war. Der zweite Fernflug am nächsten Tage, dem 21, Januar, konnte noch
planmäßig durchgeführt werden, aber der dritte am 22. Januar mußte schon
wegen bereits über dem Kontinent eingetretener Bewölkung eine vom plan-
mäßigen Flugwege abweichende Linienführung bekommen. Mehr als ein Inland-
Aug konnte am Tage nie angesetzt werden, weil weder für das Reserveflug-
zeug eine photographische Ausrüstung vorhanden war, noch für eine notwendige
Hilfeleistung auf diese Flugreserve hätte verzichtet werden können. Da jeder
planmäßige Fernflug immer acht bis zehn Stunden dauerte, hätte andererseits
für einen angeschlossenen zweiten Fernflug die Helligkeit zum Photographieren
nicht mehr ausgereicht, denn die Sonne stand ja jetzt schon so tief, daß diese
Arbeiten nur noch zwischen 7 und 17 Uhr erledigt werden konnten.
Die erste Flugperiode schloß mit der Erkundung von rund 250000 qkm Gelände,
von dem rund 140000 qkm zusammenhängend mit mehrfacher Überlappung im
Lichtbild aufgenommen worden waren. Ein Sonderflug gab dem Expeditions-
leiter Gelegenheit, selbst einen Eindruck von dem bisher erkundeten Gelände zu
gewinnen.
Die eingetretene Wetterverschlechterung brachte jetzt starke Wolkenbildung
auch über See, gelegentlich auch etwas Schneetreiben und bei östlichen und
nördlichen Winden verhältnismäßig starke Dünung, Das bedeutete für die Flug-
zeuge einerseits erhöhte Vereisungsgefahr, andererseits ein großes Bruchrisiko
bei der Wasserung und Wiederaufnahme, Das Schiff verholte in diesen Tagen
allmählich ostwärts, immer an der Kante des dichtgepackten Eisfeldes entlang
rutschend, um bei Wetterbesserung auf Position für den vierten Inlandflug zu
sein (Bild 3). Das war für die Schiffsleitung keine leichte Aufgabe; das Treiben
hart an der Kante des Packeises, das Ausweichen vor dem Hügel- und Brockeneis
und meilenlangen Eisbergen forderte von ihr einen ständigen Bereitschaftsdienst,
Denn das Eis ist in dauernder Bewegung; aber nicht als ein einheitliches Ganzes,
da es aus dicken und dünnen Schollen, aus Brockeneis und Eisbergen verschie-
Jjenster Größe besteht und die Bewegung dieser Einzelbestandteile des Eisfeldes
einerseits durch den Wind, andererseits durch den Oberflächenstrom und den
Unterstrom bestimmt wird. Die Schollen nämlich treiben in langen Streifen mit
Waken dazwischen mit dem Winde und der Oberflächenströmung, das Brockeneis