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Full text: 67, 1939

Ritscher, A.: Die Deutsche Antarktische Expedition 1938/39, 
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Streifen am mitternächtigen Südhorizont, weiter mit voller Fahrt unserem Ziel 
zuzustreben, Auch am 18. Januar auf 66° Südbreite schauten wir noch immer vergeb- 
lich nach Treibeis aus, und sogar die Zahl der Eisberge hatte abgenommen; aber 
einige mächtige Burschen von mehreren Seemeilen Länge waren unter denen, 
die uns auf ihrem Zug nach Norden entgegenkamen. Auf einem von ihnen 
machte eine große Schar von Vögeln, darunter ein durch seine Größe auf: 
fallender Kaiserpinguin, anscheinend einen Betriebsausflug in den warmen Norden, 
Eine Schneepetrelle zeigte — wenn nicht auch sie sich geirrt hatte — durch 
ihre Anwesenheit an, daß die Eisgrenze jetzt nur noch höchstens 80 Sm entfernt 
sein könnte, Die Temperatur lag bei herrlichem Sonnenschein noch eben über 
0°C; erst gegen Abend dieses Tages sank sie zum ersten Male auf !/,° Kälte, 
Die Schneepetrelle hatte sich doch geirrt! Am 19. Januar früh 4.30 Uhr 
auf fast 69° Süd war noch immer kein Treibeis zu sehen; aber der silberweiße 
Dunststreifen recht voraus am Horizont war unverkennbarer Eisblink. Deshalb 
wurde jetzt rechtweisend 260° gesteuert, um unter so günstigen Verhältnissen 
möglichst weit an die gefährlichere Westgrenze des Arbeitsgebietes heranzu- 
kommen. Die Flugzeuge wurden zum Probeabschuß und Probeflug klargemacht, 
und als gegen Mittag das Schelfeis voraus im Südwesten in Sicht kam und am 
Abend erreicht wurde, zerriß Motorendonner die Stille dieser Gegend der Ant- 
arktis, die sonst nur durch das Heulen der Orkane, das Gepolter der sich über- 
ginanderschiebenden und -türmenden Eismassen, das Bellen der Robben, das 
ebenso ulkige wie unmelodische Trompeten der Pinguine und das Schreien 
anderer Seevögel unterbrochen wird, Zu unserer Überraschung meldete der 
Flugzeugführer von seinem Probe- und Eiserkundungsflug, daß das Eisfeld vor 
uns durch eine Wake von der eigentlichen Schelfeisküste getrennt war, und daß 
auf ihr noch ein weiteres Vordringen westwärts möglich schiene. Da es für 
einen Inlandflug ohnehin wegen für Lichtbildaufnahmen ungenügender Helligkeit 
zu spät war, wurde in die Wake mit ihren vielen Windungen eingesteuert und 
so bis etwa 4!/,* West auf etwa 69° 10’ Süd vorgestoßen. Das Schelfeis ist der 
an manchen Stellen viele 100 km breite Eispanzer, der rings den antarktischen 
Kontinent umgibt. Sein Urbestand ist das Gletschereis, das sich durch das 
eigene Gewicht in Jahrhunderten vom Inland der Küste zu und über diese 
hinaus schiebt, Durch den Auftrieb im Seewasser hebt sich seine Sohle allmäh- 
lich vom Landsockel. ab. Schneefälle gleichen die Unebenheiten seiner Ober- 
fläche aus, und eine Eisebene entsteht, die mit oft mehr als 50 und 60 m hoher 
Steilküste weiter und weiter ins Meer hinaus vorstößt. Dort löst dann der Druck 
des Auftriebes fortwährend große Teile von ihr ab, die als Tafeleisberge von 
manchmal gewaltigen Ausmaßen nach Norden treiben und dort die große Gefahr 
für die Schiffahrt bilden. 
Am nächsten Morgen um 4.40 Uhr am 20. Januar erfolgte von dieser Stelle 
aus nach eingehender Wetterberatung durch den Flugmeteorologen der erste 
Inlandfotoflug. Nach gut gelungenem Abschuß und einer Runde um unser Schiff 
brauste der Wal auf seinem Kurs polwärts ab; wir Zurückbleibenden sahen ihm 
mit etwas Sorge und mit etwas Neid, alle‘ aber mit höchster. Spannung nach, 
Noch nie hatten Menschenaugen geschaut, was weit hinter dem Schelfeispanzer 
dieser Küste verborgen liegt, Was werden unsere Flieger jetzt zu sehen kriegen, 
werden unsere Erwartungen erfüllt werden, Land zu entdecken, Land frei von 
Eis, hohe Gebirge, gewaltige Gletscher, Vulkane? Werden die Motoren durch. 
halten, die Lichtbildgeräte uns mehr mitbringen als Schnee und Eis und Eis 
und Schnee? Doch schon nach einer Stunde schwanden die Zweifel, als die 
Funkmeldungen vom Überfliegen des Packeises, dann der Schelfeiskante berich- 
teten und die ersten Meldungen kamen von einzelnen Felskuppen, die aus dem 
Eise herausguckten, dann von Bergen, die dunkel und steil mit spitzen Gipfeln 
über 3000 m anstiegen, von ganzen Gebirgsmassiven, hinter denen eine kahle 
Eishochfläche bis 4000 m anstieg. Auf 74° Süd, 500 km südlich von der Schelf- 
eisküste und etwa 600 km vom Schiff, mußte das Flugzeug umkehren, weil es 
die steile, felsige Nordwand der Eishochfläche nicht ersteigen konnte, Alle 20 bis 
30 km waren planmäßig die Metallpfeile mit eingepreßtem Hakenkreuz, an den
	        
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