Lettau, H,: Versuch einer Bilanz im Kondensationskern-Haushalt der Troposphäre usw. 557
und Sekunde erzeugt wird. In Anbetracht der unsicheren Grundlage darf diese
Angabe natürlich nicht als streng gültig angesehen werden, sie läßt nur die
Größenordnung erkennen. Im Jahr ergibt sich danach für die gesamte Erd-
oberfläche der Betrag von 1.5 10% n. Da die vorhandene Gesamtzahl aller Kerne
nach Kapitel II sich zu 10% n ergibt, würde bei Nichtvorhandensein von kern-
vernichtenden Vorgängen die Gesamtkernzahl sich in etwa 7 Jahren verdoppeln.
Dieser Zeitraum fällt erstaunlich kurz aus. Sehr wesentlich ist, daß für die
anthropogene Kernerzeugung immerhin 20% der Gesamterzeugung angesetzt
werden kann, während nach unseren Darlegungen die Gesamterzeugung durch
sämtliche Verbrennungsvorgänge 70% ausmacht (vgl. hierzu die Bemerkung
Findeisens, zitiert auf S. 553). Zweifellos ist in den letzten Jahrzehnten der
Gesamtkerngehalt der Troposphäre gestiegen infolge der Ausdehnung von Siede-
lung und Industriealisierung. Leider werden genauere Untersuchungsgrundlagen
hierzu unter Einbeziehung weiter Teile der Erdoberfläche erst nach Jahrzehnten
zur Verfügung stehen. Bisher gibt es nur indirekte Grundlagen. So liegen z. B.
zweifellos Beziehungen zu der feststehenden Tatsache vor, daß die Nebeltage in
manchen Großstädten unangenehmer und häufiger geworden sind, wie u.a. in
London, vgl. (10).
IV. Die kernvernichtenden Vorgänge, Während in der Literatur die kern-
erzeugenden Vorgänge häufiger behandelt wurden, findet man so gut wie keine
eingehende Untersuchung kernvernichtender Vorgänge, Wir führen als solche
an: 1. Absinkbewegung der Partikel im Schwerefeld der Erde. 2. Atmosphä-
rische Niederschlagsbildung, 3. Koagulation von Kernen. — Weitere kernver-
nichtende Vorgänge sind unbekannt, ohne daß dabei die Existenz solcher ge-
leugnet werden kann.
Als Fallgeschwindigkeit der Kerne wird nach (10) ein Wert von 6= 7,5
10 em/sec angegeben infolge des sehr geringen mittleren Gewichtes der Teile
von 106 g, Legen wir einen mittleren Gehalt der Bodenluft von so= 10® bis
10* n/cm* zugrunde, so folgt daraus für die Kernvernichtung auf dem Wege der
Absinkbewegung zum Boden hin ein Betrag von Spy==6 8, bzw.:
Srp=-—0.1 bis — 1.0 n/em®*sec,
Diese Zahl ist jedoch zweifellos zu groß. Sie würde nur in ruhender Atmosphäre
gelten. Der vertikale Luftmassenaustausch bedingt im Mittel einen aufwärts ge-
richteten Strom von Kernen, der sich nach der Grundformel der Austausch-
lehre ergibt zu:
N n/cm* sec,
Nach W. Schmidt kann man den Austauschkoeffizienten zu A =— 50 g/cm see für
Überschlagsrechnungen ansetzen (22). Aus Tafel 1 erhält man in der freien
Atmosphäre (oberhalb 1 km) für ös/0z= 0.01 n/cm*. Mit 0 = 10-3 g/em* errechnet
man somit S’ zu 500 n/cm* sec, vgl. (22), S. 62. Hierbei ist zu bedenken, daß die
aerologischen Werte der Tafel 1 fast ausschließlich bei Freiballonfahrten ge-
wonnen wurden, die bevorzugt bei antizyklonaler, stabiler Wetterlage und bei
Vorhandensein von Sperrschichten stattfanden. Danach muß S’ zu groß aus-
fallen, Setzt man unter Berücksichtigung dieses Umstandes niedrigere Werte
für A und ös/0z ein, so wird trotzdem dieses S’ nicht repräsentativ für die
mittlere Erdoberfläche sein. Wie wir den vorhergegangenen Abschnitten ent-
nehmen, geschahen sämtliche in Tafel 1 zusammengefaßten aerologischen Auf-
stiege in Kern-Erzeugungsgebieten, Die vertikale Anordnung der Kernzahlen
steht hier keineswegs im „Austauschgleichgewicht“. Zeitliche Änderungen des
Kerngehaltes in der Höhe treten im Gefolge der Austauschströme ein. Hierzu
wurde die Bestätigung durch unmittelbare Beobachtungen geliefert (1). — Die
Bodenwerte des Kerngehaltes über den Ozeanen entsprechen mit weniger als
L0® n/ecm*® nach Tafel 1 den Werten in 2 bis 3 km Höhe. Über den Ozeanen
wird demnach $S' praktisch verschwinden, vielleicht sogar an bestimmten Stellen
(bei ablandiger Strömung) sein Vorzeichen umkehren. Geringere Werte für S’
sind auch über dem Festland in nicht besiedelten Gebieten zu erwarten.