Schmidt, Gerh.: Zyklonen auf ungewöhnlichen Zugbahnen,
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die Hinzuziehung der Bodenisobaren ein hinreichendes Kriterium für die Be-
urteilung der voraussichtlichen Lage der Störung am kommenden Tage. Die
besten Erfolge zeitigte hier die Verfolgung der Druckänderungsgebiete der
500 mbar-Fläche. Diese Methode, die sich bei ganz verschiedengelagerten, der-
artigen „strittigen Fällen“ als recht brauchbar erwies, soll an anderer Stelle ein-
gehend besprochen werden.
Unser Tiefdruckgebiet verlagert sich in der Folgezeit nur ganz unwesent-
lich, Es ist aus dem Einflußbereich der atlantischen Antizyklone nunmehr offen-
sichtlich heraus, Am 19. 1X. überquert es Sardinien und strebt der algerischen
Küste zu. Über Tu-
nis ist es vorüber-
gehend völlig statio-
när. Fronten lassen
sich schlechterdings
nicht mehr finden,
Trotzdem ist keine
Auffülung zu be-
merken. Plötzlich
am 20, III, auf der
14b.Karte ist merk-
liche Vertiefung ein
getreten. Das Zen-
rum mit 995 mbar
liegt südlich Sizi-
liens. Deutlich lassen
sich wieder Fronten
erkennen. Ein kräf-
tiger Warmsektor
mit Winden bis zu
7 Beaufort ist aus
geprägt. Was ist ge-
schehen? — Vom
afrikanischen Konti-
nent stößt über die
Cyrenaika tropische
Luft nach Norden
vor und führt dem
Tiefdrucksystem neue
Energien zu, Es ist
hicht etwa eine Zy-
klone aus der Sahara, wie es vielfach geschieht, an die Stelle des alten Tiefs
gerückt und täuscht dessen Fortbestand lediglich vor. Einwandfrei läßt sich
die vollkommene Regeneration desselben verfolgen, Das Tiel setzt sich nun-
mehr erneut in Bewegung, und zwar in nordöstlicher Richtung. Am 21, IIL
auf der Frühkarte liegt es bereits über der südlichen Adria und hat sich
weiter bis auf 985 mbar vertieft. Die Fronten sind immer noch scharf ausgeprägt.
Saseno an der dalmatinischen Küste meldet Sturm 9. Hier passiert etwa gerade
die Kaltfront,
Nunmehr zieht die Störung unter Einhaltung von Zugstraße Vd quer über
die Balkanhalbinsel hinweg in die Wardar-Niederung und weiter zum Marmara-
meer, Dann wendet sie sich nordwärts und folgt dem Westgestade des
Schwarzen Meeres, Nur ganz allmählich füllt sie sich auf. Am 22. JIL 19% findet
sie sich mit einem Kern von noch immer 990 mbar bei Odessa, Noch ist ihre
Lebenskraft nicht erlahmt, Nach Osten zu versperrt ihr das kräftige, weit vor-
geschobene Sibirische Hochdruckgebiet den Weiterzug, Aber auch im Norden und
Nordosten von Skandinavien bis Nordrußland haben die südwärts vordringenden
Kaltluftmassen ein kräftiges Hoch aufgebaut, das sich ihr wie ein Wall entgegensetzt.
So bleibt ihr nur, da sie noch immer zu energiereich ist, um sich an Ort und