Model, Fr.: Über die Gebundenheit von Hoch- und Niedrigwasser der Ostsee usw. 515
eine Gegenüberstellung etwa der Zyklonenfrequenz im Ostseeraum [Abb, 7 nach (15)]
zeigt, daß keineswegs eine sofort erkennbare Parallele zu den Erscheinungen im
Wasserstand vorhanden ist. Wie aus allen statistischen Untersuchungen über
Wasserstand und Wind bzw, Luftdruck hervorgeht, ist auch nicht damit zu rechnen,
daß ein Zusammenhang ohne neuartige Untersuchung gefunden werden kann. Eine
endgültige Beantwortung dieser Frage muß deshalb von einer weiteren Analyse
abhängig gemacht werden. Es sei als Beispiel dieser Behauptung hier nur kurz auf
die Oktober-Singularität vom 10. bis 14, eingegangen. Es liegt nahe, diese Er-
scheinung im Wasserstand mit den unter „Altweibersommer“ erfaßten Vorgängen
in der Atmosphäre zu verknüpfen, Aber diese meteorologische Erscheinung ist
Anfang Oktober beendet, während die Wasserstandssingularität Mitte Oktober
in Erscheinung fritt, Die Hochdruckwetterlage, die den Altweibersommer ver-
ursacht, wird schon Anfang Oktober durch vom Westen anrückende Zyklonen
zerstört (1s), Die damit verbundene Regenhäufigkeit setzt in der Zeit vom 2, bis
7. Oktober ein (16). Damit im Zusammenhang steht, daß das Islandtief vom 3. bis
zum 7, Oktober nach Mitteleuropa vordringt (ı7), Auch die damit verbundene
Winddrehung von West auf Nordost iritt schon zwischen dem 8, und 7. Oktober
in Erscheinung (18), Der Versuch, die Wasserstandssingularität vom 10. bis
14. Oktober ajis Auswirkung des Altweibersommers zu erklären, erweist sich also
als nicht haltbar, Schon eher denkbar ist es, daß der tiefe Wasserstand mit
der nach dem ersten Ansturm der Zyklonen einsetzenden kurzen Pause in der
Zyklonenhäufigkeit zusammenhängt. Diese fällt in Nord- und Mittelskandinavien,
dem Baltikum und dem Östlich davon gelegenen russischen Gebieten auf die Zeit
vom 7. bis zum 12, Oktober, um nach wenigen Tagen wieder die alte Häufigkeit
zu erreichen (15), Doch steht die Intensität der Wasserstandssingularität im
Gegensatz zu der relatir geringen meteorologischen Singularität, so daß von
vornherein dieser Zusammenhang weder behauptet noch geleugnet werden kann®).
Erst ein Vergleich sämtlicher meteorologischer Singularitäten mit denen des
Wasserstandes und umgekehrt kann entscheiden, in welchem Gebiet der Ostsee
{oder Nordsee?) das meteorologisch „wirksame“ Zentrum gelegen ist. Diese
Untersuchung muß noch durchgeführt werden.
Physikalisch zunächst wenig wahrscheinlich ist die Annahme, daß Singulari-
täten in Schichtung und Strömung der Ostsee die Wasserstandssingularitäten
hervorrufen, Selbst wenn wir jederzeit ein Gleichgewicht zwischen Wind und
Wasserstand: aus statischen und dynamischen Gründen voraussetzen müßten, ist
die Möglichkeit einer im Aufbau der Ostsee und dessen Änderung liegende
Ursache der Wasserstandssingularitäten nicht von vornherein zu leugnen. Das
vorausgeseizte Gleichgewicht zwischen Atmosphäre und Hydrosphäre gilt ja
immer nur im stationären Fall. Die Wasserstandssingularitäten dagegen sind, wie
Betrachtung von Einzelfällen lehrt (19), stets kurzfristige Erscheinungen, sind
durch die Ostsee laufende Wasserberge und -täler. Es ist mithin denkbar, daß
sie die Auswirkung einer Umschichtung — von einem Gleichgewichtszustand im
Aufbau der Ostseewassermassen in den anderen — sind, zumal wir wissen, daß die
Ostsee sich verhältnismäßig oft und rasch umschichten kann (20)7), Doch soll auch
diese Ursache der Wasserstandssingularitäten als reine Vermutung erwähnt sein,
Erst die angekündigten näheren Untersuchungen können darüber Aufschluß erteilen.
Was aber immer die Wasserstandssingularitäten verursachen möge, ihre
Existenz ergibt eine neue Auregung, dem Zentralproblem der Ostsee, ihrer
„Bilanz“ (sı). näherzukommen.
*) Im Zusammenhang mit meinen Ausführungen in dieser Zeitschrift (16} weist Endrös (z2)}
darauf hin, daß das kalendermäßige Eintreten von dem NW am 24, November durch Superposition
ron angeregten Eigenschwingungen der Ostsee verursacht sein kann. Wir kennen etwas Ähnliches im
Luftmeer, Nach den neuesten Untersuchungen, die im Zusammenhang mit der Symmetrieerscheinung (23)
stehen, ist. es wahrscheivlich, daß zu bestimmten Zeiten im Jahr in bestimmten Gebieten immer wieder
dieselben Luftdruckwellen zu erwarten sind, Dieser Hinweis zeigt, wie indirekt die atmosphärischen
Vorgänge — unter der Annahme, daß diese die Eigenschwingungen verursachen — die Wasserstands-
singularıtäten auslösen können. — 7) Vielleicht treten die Umschichtungen der Ostsee mit dem von
Endrös (22) herrorgehobenen Schwingungsphänomen in Erscheinung. Ich erinnere an einen ähnlichen
Vorgaug in der Atmosphäre, nämlich das PJatzen des Polarluftsackes, das eine 24tägige Schwingung
antegt (24).
Ann, d, Hrdr. usw. 1939, Helft XL