120 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1939,
Ein wesentliches Moment für die ungewöhnliche Senkung ist aber, daß die
Einwirkung der Kräfte in der halben Periode der freien Schwingung erfolgte
und daher dynamisch wirkte, Bei allen ungewöhnlichen Schwankungen, wie
sie in der Literatur vorliegen, konnte die dynamische Einwirkung nachgewiesen
werden, Ich erinnere an die ungewöhnliche Senkung des Atterseespiegels am
30. Juli 1930, wo überdies auch ein starker Barometersturz die Ursache war?l}),
der auch in Begleitung der Kaltfront auftrat?), Besonders lehrreiche Beispiele
statischer und dynamischer Wirkung finden sich in den Wasser-
standsaufzeichnungen des Eriesees der Jahre 1899/1900, die A. J. Henry
zugleich mit den die dortigen Schwankungen auslösenden Windverhältnissen
ausführlich veröffentlicht hat?). In dem einen Jahr iraten dort drei ungewöhnlich
große Schwankungen auf, und zwar am 21,11. 00, 11.9. 00 und 12, 12, 99 im
Betrage von 2,50, 2.13 und 1.50 m bei Windstärken von 68, 66 und 58 Meilen
pro Stunde, Die Einwirkung erfolgte in allen drei Fällen in 7 bis
8 Stunden, d.i, der halben Periode der freien Schwingung von 14,8 h.
Es finden sich noch 8 Fälle bei Windstärken bis 60 Meilen pro Stunde, wo aber
nur Wasserstandsänderungen bis 90 cm verzeichnet sind, Die Einwirkung erfolgte
hierbei jedesmal in mehr als 10 Stunden, war also statisch, UÜbereinstimmend
kann man in allen Fällen ersehen, daß das Zurückgehen des Wasserstandes
immer in der halben Periode der freien Schwingung, nämlich 7 bis 8h
erfolgte, sobald der Wind nachließ, eine Beobachtung, die. für die Bestimmung
der freien Periode bei kurzen Beobachtungen von großer Bedeutung ist,
Die größte Senkung des Spiegels betrug in Bülk 140 em {ich nehme den Maßstab
von 1: 10 an). Nachdem der Wasserspiegel bei der Rückkehr nur um den geringen
Betrag von 20 em über die frühere Gleichgewichtslage hinausschwingt, muß man,
abgesehen von der Einwirkung einer neuen Störung, die die Bewegung hemmte,
eine bedeutende Behinderung der Schwingung durch die Alandsinseln annehmen,
da der Knoten nicht an die Stelle selbst, sondern etwas südlicher davon fällt,
In dieser Schwingung von 46 bis 48 Stunden Periodendauer ist also die
sogenannte Hauptschwingung der Ostsee gefunden, wie sie in jedem Becken
angetroffen wird, Man muß sich wundern, daß sie bis heute nicht aufgedeckt
worden ist, obwohl die Wasserstandsaufzeichnungen an zahlreichen Punkten
untersucht und z, T. eingehend analysiert worden sind, Es wurde zwar eine
große Zahl Schwingungen an einzelnen Uferstellen gefunden, die aber nur als
lokale Buchten- und Uferschwingungen gedeutet werden konnten: die größte
Periodendauer betrug nur 2 Stunden*®).
Es gelang mir nun nachträglich, aus den wenigen mir zur Verfügung
stehenden Wasserstandskurven der Literatur unsere Schwingung herauszufinden,
Bei Krümmel, Ozeanogr. II S, 360 sind in Fig, 98 die gleichzeitigen Wasser-
standsaufzeichnungen von Wismar, Warnemünde und Arkona vom 7. und
8, Juni 1898 mitgeteilt. Durch Elimination der halbtägigen Gezeiten erhielt ich
eine Restkurve mit einer sehr deutlichen Schwingung von ungefähr 48h.
der nur die ganztägigen Gezeiten aufgesetzt sind,
Auch die Teilschwingung Kieler Bucht— Finnischer Busen muß in
den Aufzeichnungen auch anderweitig gefunden werden. Da aber auch bei
ihr die Dämpfung stark ist und sie nur mit kleinen Hubhöhen auftreten wird,
xann sie leicht unter den anderen Schwingungen verborgen bleiben, wobei hier
noch der andere Umstand dazukommt, daß ihre Dauer derjenigen der ganz-
tägigen Gezeiten nahekommt und davon schwer zu trennen ist.
Fr. Model, der, wie er mitteilt, z. Z. den Gang der täglichen mittleren
Wasserstände der Ostsee von Marienleuchte bearbeitet, veröffentlicht
daraus in Abb, 3 für den Monat November die Mittelwerte der letzten 35 Jahre
von 1902 bis 1937. Er sucht hieraus für die starke Senkung am 24, einen
3 Ann, d. Hydr. 1931 8, 213ff. — ®*) Herr Dipl.-Ing. H. Troeger an der meteorologischen Station
Magdeburg hat mich nachträglich in freundlicher Weise brieflich darauf aufmerksam gemacht. —
A. J. Henry, Wind velocity and fluetuations of water level of lake Krie, Washington 1902. —
‘OO. Krümmel, Özeanogr. IL S. 168 ff, Auch Karl Meier, Sehwankungen des Wasserspiegels der
Kieler Förde, Kiel 18138,