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‚Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1939.
Das im Kurvenverlauf zum Ausdruck kommende Vorauseilen der Kaltluft
unmittelbar an der Meeresoberfläche bei größeren Windgeschwindigkeiten steht
anscheinend im Widerspruch zur Wirksamkeit der Reibungskraft. Da die Ober-
flächenwerte auf Schätzungen beruhen, kann dieses Vorauseilen der Kaltluft
nicht als feststehende Tatsache betrachtet werden. Immerhin sind ähnliche Ver-
hältnisse bei einer ganzen Reihe von Schätzungen festgestellt worden. Es ist
daher nicht lediglich als ein Schätzungsfehler zu werten, sondern dieses un-
gewöhnliche Ergebnis hängt mit der Frage der Kichtigkeit der Schätzungsskala
zusammen.
Vergleich zwischen geschätzten und gemessenen Windgeschwindigkeiten,
Die Windangaben in den Seeobsen beruhen auf Schätzungen, indem der
Beobachter nach der Größe der Wellenberge und dem Auftreten weißer Schaum-
kämme die Stärke des Windes beurteilt, Die beim Zeichnen von Wetterkarten
häufig gemachte Feststellung,
daß auch nahe Dbeieinander-
liegende Schiffe verschiedene
Windstärken angeben, wirft die
Frage auf, ob den Windstärke-
Schätzungen eine International
einheitlich gehandhabte Skala
zugrunde liegt, Diese Frage muß
nach den vorliegenden KErfah-
rungen verneint werden.
In dem auf deutschen Schif-
fen gebrauchten „Wetterschlüssel
Für bewegliche Hauptmelde-
stellen auf See“ ist seit einigen
Jahren eine von Kapt. Petersen
Aufgestellte Seegangsskala ent-
halten, die den Zusammenhang
zwischen Seegang und Beaufort-
Stärke herstellt. Diese Seegangs-
Skala (Petersen-Skala) findet an-
scheinend auf deutschen Schiffen
mehr und mehr Verwendung
und trägt wesentlich zur Verein-
heitlichung der Windstärke.
schätzung bei.
Ergibt sich an Hand der Petersen-Skala die Möglichkeit, Beaufort-Grade zu
schätzen, so kann man weiter die Beaufort-Werte in m/sec umrechnen, Bei dieser
Umrechnung besteht jedoch noch eine Lücke: auf festem Land sind Messungen
gemacht worden, nach denen den Beaufort-Graden bestimmte Intervalle in m/sec
zugeordnet wurden (z. B. Beaufort 5 = 7.5 bis 9,8 m/sec), Für See sind mangels
besonderer Messungen die gleichen Geschwindigkeitsintervalle übernommen worden.
So können zwar nach dem Aussehen der See (Petersen-Skala) tabellenmäßig die
m/see ermittelt werden, jedoch ist die Richtigkeit dieser Umrechnung bisher
nicht durch Messungen belegt worden.
Das Fehlen derartiger Messungen auf See erklärt sich daraus, daß es vom
fahrenden Schiff aus wegen der Störungen des Stromfelds durch das Schiff nicht
möglich ist, die Windgeschwindigkeit an der Oberfläche fehlerfrei zu messen.
Nach den Untersuchungen der Meteorexpedition ist die Mastspitze noch der
störungsfreieste Ort für die Aufstellung eines Anemometers, Daher wurde auch
auf der „Friesenland“ das Windmeßgerät an der Mastspitze angebracht, Man
erhält aber auf diese Weise — abgesehen davon, daß auch dort Störungen durch
das Schiff nicht ganz ausgeschlossen sind — den Wind in 40 m Seehöhe anstatt
an der Oberfläche, auf die sich die Schätzungen beziehen, Wie die Doppel-
anschnitte zeigen, ist eine einwandfreie Reduktion der in 40 m Höhe gemessenen
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