300 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1939.
außerhalb der Tropenzone dargestellt, ein Plus-Zeichen bedeutet, daß die kalten
Winter seltener, ein minus, daß sie hänfiger geworden sind, und man erkennt
hier, daß die Milderung der Winter fast die gesamte Erde ergriffen
hat und kleine Anomaliegebiete außer den schon erwähnten über dem westlichen
Mittelmeer, Ostlabrador und Ostasien nur noch bei drei Stationen des ameri-
banischen Felsengebirges, dem nördlichen Australien, Neuseeland und einigen Orten
des Kaplandes und Südamerikas auftreten, wobei bei der Bestimmung dieser
Werte für die Südhalbkugel selbstverständlich die dortigen Wintermonate Mai
bis September herangezogen wurden.
In dem Gebiet zwischen 20° Süd und 20° Nord, wo man nicht von eigent-
lichen Wintermonaten sprechen kann, wurde die Differenz der Mitteltemperaturen
beider Zeiträume berechnet, wobei man erkennt, daß — abgesehen vielleicht vom
indischen Raum — die Temperatur über dem größten Teil der Tropenzone in
den letzten zwei Dezennien höher lag als zu Ende des vorigen Jahrhunderts,
Es sei noch besonders hervorgehoben, daß die gegenwärtige Milderung der
Winter vor allem in Westsibirien sehr ausgeprägt in Erscheinung tritt.
In Verbindung mit den früheren Ergebnissen über die mit der Zirkulations-
steigerung verbundene allmähliche, polwärts gerichtete Verlagerung der Aktions-
zenıren kann man die regionale Verschiedenheit im Verhalten der europäischen
Winter so deuten:
Das letzte Minimum der atmosphärischen Zirkulation wurde um die Mitte
des vorigen Jahrhunderts erreicht. Ihre dann beginnende Steigerung führte
zuerst über Zentraleuropa zu einer merklichen Milderung der Winter, während
im hohen Norden die zunehmende Verschärfung der Nordostwinde die Eisgrenze
immer mehr nach Süden trieb und hier die Zunahme der Zirkulation daher
zuerst Abkühlung herbeiführte, bis die ständige Steigerung der Zufuhr warmer
Luft- und Wassermassen, vor allem aus dem Bereich des atlantischen Stromes,
die Eisgrenze erheblich zurücktrieb und so vor 20 Jahren schließlich eine enorme
Erwärmung der Polargebiete herbeigeführt wurde. Zugleich bewirkte die Zunahme
der Nordströmung im westlichen Mittelmeer umgekehrt einen lokal bedingten
Temperaturrückgang, und über großen Teilen des südlichen Zentral- und Südost-
europa verursachte die allmähliche nördliche Verschiebung der kontinentalen
Hochdruckachse eine Häufung strengster Winter erst um die Jahrhundertwende,
Auch hat sich die Milderung der Winter mit der Höhe allgemein erheblich
verspätet, wie man schon aus dem Verhalten der (eingerahmten) Alpenstationen
in Abb. 6, 7 und 8 erkennen kann. In Tab. 18 sind die Ergebnisse für Obir,
Sonnblick und Säntis gesondert zusammengefaßt, woraus zu ersehen ist, daß sich
das sekundäre Maximum kalter Winter auf dem Säntis erst 1901/1920 und zu
gleicher Zeit ein. Minimum warmer Wintermonate auf dem Sonnblick und Säntis
eingestellt hat, Die Differenz der zu warmen minus der zu kalten Wintermonate
ist in Tab. 19 zusammen mit Wien aufgeführt, und hier wird die Verspätung
der sekundären Wiener Kälteperiode von 1871/1890 um 10 Jahre bis zur Obir-
Höhe von 2000 m und um 30 Jahre bis zu den Hochgipfeln der Alpen besonders
deutlich. Es scheint sich darin eine verstärkte Zufuhr polar-maritimer, höhen-
kalter Luftmassen im ersten Stadium der Zirkulationssteigerung, als die Polar-
gebiete noch kalt waren, anzudeuten, während jetzt, wo das Ursprungsgebiet
dieser Luftmasse ebenfalls warın geworden ist, die Milderung der Winter auch
auf die Mitteleuropäischen Höhenstationen übergegriffen hat,
Damit wäre der Überblick über den Vorgang der Milderung der europäischen
Winter beendet, und nachdem als Ursache der Zirkulationssteigerung ein solarer
Vorgang nachgewiesen werden konnte, bleibt jetzt noch das Problem zu lösen,
warum die gegenwärtige Milderung der Winter viel stärker in Erscheinung tritt
als z. B. vor 90 Jahren,
8. Die geringe Vulkantätigkeit während der letzten Jahrzehnte und die dadurch
bedingte gegenwärtige besondere Steigerung der Zirkulation,
Überprüft man das Verhalten der langperiodischen Sonnenfleckentätigkeit
in Tab. 15 genauer, so muß man feststellen, daß das Minimum zu Anfang des