Scherhag, R.: Die gegenwärtige Milderung der Winter und ihre Ursachen, 295
in Tab. 7 die Abweichungen für die einzelnen Monate des laufenden Jahrzehnts
für die Vereinigten Staaten und Kopenhagen (Kopenhagen bis einschl. März 1939)
zusammengestellt sind. In Amerika weist die größte Milderung der Januar auf,
die Sommermonate stehen aber demgegenüber nicht viel zurück, und
im Juli finden wir sogar ein sekundäres Maximum. Am geringsten
ist die Temperaturerhöhung während der Übergangsmonate im April und
November. In Kopenhagen ist die Sachlage ganz ähnlich, nur sind die einzelnen
Werte, da es sich hier nur um eine einzige Station handelt, nicht so ausgeglichen,
Daß nicht nur jenseits, sondern auch diesseits des Ozeans die Temperatur-
erhöhung auch die Sommermonate ergriffen hat, weist darauf hin, daß die
Klimaänderung nicht mehr allein damit erklärt werden kann, daß das Klima
lediglich maritimer geworden wäre, denn dann müßten die Sommer hier jetzt
gerade kühler sein. Daß die Temperaturerhöhung sämtliche Monate des Jahres
ergriffen hat, kann man nur dem Umstand zuschreiben, daß eben jetzt die
Ozeane wärmer geworden sind.
Die Erwärmung der Sommermonate stellt für Mitteleuropa eine ganz neue
Erscheinung dieses Jahrzehnts dar, In Tab. 8 ist die Anzahl der mehr als 2°
zu kalten und zu warmen Sommermonate (Mai bis September) seit 1771 für
Berlin zusammengestellt, woraus man ersieht, daß z. B. die Anzahl zu warmer
Sommermonate (3, Spalte) in den letzten 10 Jahren in Berlin so groß
war, wie sie seit Beginn des vorigen Jahrhunderts nicht mehr beob-
achtet wurde. Vor etwa 150 Jahren scheinen aber warme Sommer noch
häufiger gewesen zu sein als jetzt, wie man besonders aus der letzten Vertikal-
reihe der Tab. 8 erkennt, in der die Differenz der zu warmen minus der zu
kalten Sommermonate aufgeführt ist, Näher sei auf den Inhalt dieser Tabelle
nicht eingegangen, da die Zahlenwerte für sich selber sprechen.
Die Berliner Temperaturreihe ist nach den Untersuchungen von Hellmann
durchaus nicht homogen. Man kann aber annehmen, daß die Fehler geringer
werden, wenn man die Häufigkeit sehr stark vom Mittel abweichender Monate
untersucht. Zudem erhält man bei Betrachtung sehr kalter und sehr warmer
Monate einen besseren Einblick in die Dynamik der Wettervorgänge, und die
Ergebnisse treten wesentlich deutlicher zutage als wenn man nur die Mittel-
werte untersucht. Gerade die extrem kalten und warmen Winter spielen z. B,
für die Vegetation eine große Rolle, ein einziger extremer Winter kann das
Gedeihen ganzer Pflanzenfamilien für Jahrzehnte zunichte machen. Wir wollen
uns jetzt diesem Hauptteil zuwenden.
5. Die Milderung der Winter,
Untersucht man die Häufigkeit extrem kalter und warmer Wintermonate,
so bekommt man erst einen rechten Begriff von dem Ausmaß der Klimaänderung,
die wir zur Zeit erleben, In Tab. 9 ist die Anzahl sämtlicher Wintermonate
(November bis März) zusammengestellt, die in Berliz mehr als 3° vom Mittelwert
für den Zeitraum 1769 bis 1920 abwichen. Für das laufende Jahrzehnt wurden
die Beobachtungen der Station auf der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin N,
Invalidenstr., benutzt, worauf sich auch die Angaben in den World Weather Records
für die vorhergehenden Jahrzehnte beziehen, .
Das Ergebnis, das man so erhält, ist allerdings verblüffend: Zu Anfang
des vorigen Jahrhunderts betrug die Anzahl sehr kalter Wintermonate
(2, Spalte der Tab. 9) im Verlaufe von 20 Jahren noch mehr als 15, seit-
dem ist deren Zahl ständig zurückgegangen und während der letzten
10 Jahre auf einen einzigen abgesunken. Die Zahl der erheblich zu
warmen Wintermonate (3. Spalte) ist währenddessen, abgesehen von einem
sekundären Minimum um die Jahrhundertwende, ständig gestiegen. Warme
Winter sind jetzt fast viermal so häufig geworden und kalte Winter
beinahe auf den 10, Teil reduziert!
Die letzte Spalte der Tab. 9 gibt die Differenz zwischen der Anzahl der zu
warmen und der zu kalten Wintermonate an, ein Index, den wir im folgenden
noch öfters benutzen werden, da er ein übersichtliches Kriterium für das Verhalten