256 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1939.
gehen von dem Vorhandensein des Nord- und des Südäquatorialstromes aus,
stellen aber die geographische Tatsache in den Vordergrund, daß die zwei großen
Westströme unsymmetrisch zum Äquator verlaufen; denn auch der Südäquatorial-
strom hat seinen Stromstrich nördlich von der Linie. Hieraus folgt, weil zu-
gleich die Erdrotation auf die Wassermassen symmetrisch zum Äquator wirkt,
bei stationären Verhältnissen aus hydrodynamischem Grunde notwendig ein Gegen-
strom der obersten Schichten nach Osten, wenn anders Stabilität im physika-
lischen Sinne!) vorhanden sein soll. Das Nähere dieser Theorie braucht, weil
genügend bekannt, hier nicht erörtert zu werden. Ich meine, daß die zwei neuen
Stromlinienkarten grundsätzlich zu dieser Auffassung passen, Besonders der
weit nördlich vom Äquator ‘ziehende Nordäquatorialstrom muß nach dieser
Theorie für einen Gegenstrom wirksam werden. Ich meine aber auch — wie
vorhin schon bemerkt —, daß dieser neue Gesichtspunkt nicht überall und nicht
immer, selbst größere Strecken in das Auge gefaßt, zur Erklärung bedeutsamer
Tatsachen ausreicht, Im Nordsommer schwenkt ein großer Teil des Gegenstromes
energisch in OSO-Richtung in den Südäquatorialstrom ein, der zudem um diese
Zeit den Äquator nordwärts wenig überschreitet; dieser erste westlichste Teil
des Gegenstromes dürfte keine selbständige, allgemein dynamisch bedingte Be-
wegung sein, sondern unmittelbar ein Neerstrom, ein Kompensationsvorgang
großen Stiles. Übrigens erklären auch O0. H. Wendler?) und A. Schumacher*®)
den westlichen Teil des atlantischen Gegenstromes, d. h. des Guineastromes,
durch Kompensationsbedürfnisse. Also man lasse mehrere Ursachen gelten und
wirksam sein.
3. Die Stromlinien der zwei Karten geben eine solche Lebendigkeit, „Wendig-
keit“ und Einpassung der verschiedenen Bewegungen ineinander zu erkennen,
wie sie in diesem Ausmaße selten beobachtet wird, Die Bilder erinnern in ihrer
Unruhe an die großturbulenten Vorgänge auf der Oberfläche eines schnell
fließenden festländischen Stromes, sei es, daß seine Ufer in Windungen verlaufen,
sei es, daß sein Boden von Untiefen durchsetzt ist. Beide Faktoren kann man
vielleicht auch hier, am Westende des äquatorialen Stillen Ozeans, in den Ober-
flächenströmen finden. Nicht bloß die Stromteilung vor den Philippinen gehört
hierher, sondern auch die Einengung des Südäquatorialstromes an seiner linken
Flanke durch die Nordküste Neu-Guineas: Raumnot in horizontaler Richtung
erzwingt die mächtige Beschleunigung während des Nordsommers.
4. Endlich das untermeerische Relief. Der Wirbelzopf in 3.5° N-Br. 130°
O-Lg. während der besonders heftigen Südäquatorialströmung des Nordsommers
(Tafel 27) ist in seiner Lage eindeutig festgelegt. Warum ist das eng um-
rissene Gebilde gerade hier entwickelt? Die „Snellius“-Expedition*) hat in rund
2.5° N-Br. 129° 40’ O-Lg. eine Bodenerhebung von beiläufig 2000 m Tiefe in einem
sonst 4000 m tiefen Meere festgestellt; die Bodenerhebung kann sich, weil nicht
näher erforscht, noch 60 Sm östlicher ausdehnen. Wahrscheinlich wird der von
Süden kommende Strom, der zwischen der Insel Morotai und der Bodenerhebung
machtvoll nordwärts hindurchsetzt, von dem Bodenrelief veranlaßt, diese Schwelle
unmittelbar im Norden zu umfließen. V.W.Ekman“*®) hat wiederholt, zunächst
aus theoretischen Betrachtungen heraus, dann hauptsächlich mit Bezug auf die
eigentümliche kleine Südschwenkung des Golfstromes im Süden der Neufundland-
Bank eine „erstaunliche Empfindlichkeit der Tiefenströme®) selbst für sehr mäßige
Unterschiede der Meerestiefe oder der geographischen Breite“ gefordert. Er
behandelt (a. a. O. S. 63 bis 65) den Fall, daß eine isolierte Untiefe mitten im
1) Der in unserem Text mehrfach gebrauchte Ausdruck „Beständigkeit“ oder „Stabilität“ hat dort
die andere, konventionelle Bedeutung, nämlich die des prozentischen Verhältnisses von vektorieller zu
arithmetischer Geschwindigkeit. — % Die Oberflächenbewegungen des Guineastromes. Gerlands Bei-
träge z. Geophysik, 44, 1935. 8.193, 195. — % Siromkalıtelungen, besonders im Guineastrom.
Ann, d, Hydr, 1935. 8, 380, 382, — *) P. M. van Riel, The „Snellius“. Expedition, vol, IT, Oceano-
phie results, part 2. Chapter 2: the bottom configuration .,. Appendix; die Karte gegenüber 8, 60
Bringt eine durch weitere Lotungen ergänzte Darstellung dieser Erhebung. Vgl. auch Plate 11.
Utrecht 1934, — 5%) Über Horizontalzirkulation bei winderzeugten Meeresströmungen, Arkiv för
Matematik ... K. Svenska Vetensk, Akad. Bd. 17. No. 26. $60ff. Stockholm 1923. — *) „‚Tiefen-
strom“ hier im Sinne der bekannten Ekmanschen Dreiteilung der winderzeugten Elementarströmungen.