198 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1939,
Druckfallgebiet folgte, das später die Bildung des Orkantiefs hervorrief oder
wenigstens begleitete. Das Fallgebiet bestand also schon mehrere Tage vor
Entstehung des Tiefs, Abb. 1 zeigt Stärke und Zugbahn des 24 stündigen Druck-
fallgebiets und den Ort der Zyklogenese. Aus Gründen der Übersichtlichkeit
sind nur die von Mitternacht zu Mitternacht gebildeten Differenzen eingetragen.
Nimmt man noch die Differenzen der Mittagsbeobachtungen dazu (deren Ort genau
— nicht ausgeglichen — auf der eingetragenen Kurve liegt), so sieht man, daß
der immerhin schon beträchtliche Fall von 16 bis 19 mb in 24 Stunden kurz
nach Verlassen der Küste plötzlich auf 27 und dann 41 mb in 24 Stunden ansteigt.
Erst dieser starke Druckfall ist mit der eigentlichen Zyklogenese verbunden,
während der schwächere Fall der Vortermine nur zur Bildung kleiner, schnell
vergänglicher Tiefs Veranlassung gab,
Vergleicht man nun die fast geradlinige Wanderung des Druckfallgebiets am
Boden mit den Bildern der Wetterkarten, die eine so großzügig einfache Wetter-
entwicklung vermissen lassen, so kommt man leicht zu dem Schluß, daß das
Druckfallgebiet der Bodenwetterkarte aus großen Höhen herab aufgeprägt worden
sei, Diese bequeme und auch plausible Anschauung, die schon häufig in ähn-
lichen Fällen geäußert wurde, ist aber, wie die weitere sehr einfache Unter-
suchung zeigt, unrichtig,
Durch die Ausstrahlung der amerikanischen Höhenwettermeldungen sind wir
in der Lage, eine Höhenwetterkarte des amerikanischen Kontinents zu entwerfen,
die wir nach dem Rudloffschen Verfahren (ı) oder nach einem kombiniert
Rudloff-Scherhagschen Verfahren auf den Ozean erweitern können.
Analog den 24stündigen Bodendruckänderungen bilden wir die 24stündigen
Niveauänderungen der 500 mb-Fläche.
Dabei macht sich der Umstand störend bemerkbar, daß vom 5. II. keine Meldungen vorliegen,
so daß dieser Tag nach Maßgabe der Bodenwetterkarte zwischen dem 4. und dem 6. II. interpoliert
werden muß. Sollte diese Interpolation nicht richtig sein, so kann sich entweder in Abb. 1 die Reihe
der Höhendruckfallgebiete um einen Tag nach rückwärts verlängern und am 6. II. noch ein Fall-
gebiet liefern, verbunden mit einem Druckanstieg am 5, II. in ungefähr der gleichen Gegend. Oder
aber es ergibt aich für den 5. II. ein Höhendruckfall und für den 6. an entsprechender Stelle ein
Drucksteiggebiet. Jedenfalls läßt sich die geschlossene Reihe der Höhendruckfallgebiete höchstens bis
zum 6, II. zurückverfolgen,
Bei Vergleich dieser Niveauänderungen sehen wir, daß der Druckfall am
Boden 1 bis 2 Tage früher auftritt als in der Höhe und dem Fall in der Höhe
um 500 bis 1000 km vorauseilt. Dieses Ergebnis ist dann allgemein bekannt,
wenn es sich um die Fallgebiete einer vollständigen wandernden Zyklone handelt,
wo das Zentrum in der Höhe gegenüber dem Zentrum am Boden nach rück-
wärts verschoben ist. Hier haben wir es ja aber zunächst mit einem Druckfall-
gebiet zu tun, das noch nicht an eine Bodenzyklone gebunden ist. Und auf
unsern Fall angewendet besagt das Vorauseilen der Bodenerscheinungen, daß das
24stündige Bodendruckfallgebiet trotz seiner scheinbaren Zusammenhanglosigkeit
mit der Bodenwetterkarte seinen Ursprung nicht in der hohen Troposphäre oder
Stratosphäre hat, sondern in der niederen Troposphäre (2), (s).
Nimmt man infolge des nicht ganz einwandfreien Materials als. nicht bewiesen an, daß das Fall-
biet am Boden vor dem in der Höhe bestand, so könnte man folgende Einwendung machen: Das
Druckfallgebiet sei doch stratosphärischen Ursprungs und erzeuge am Boden eine zyklonale Strömung,
die sich zu der schon herrschenden addiert. Im Zuge dieser Strömung werde nun auf seiner Ostseite
warme Luft nach Norden befördert, die ihrerseits einen Bodendruckfall östlich des stratosphärischen
Druckeffekts erzeuge.
Gegen diesen Einwand ist zunächst zu sagen, daß das Fallgebiet am Boden (nach der Auffassung
des Einwandes) ein komplexes Gebilde aus stratosphärischem und niedertroposphärischem Fall ist, so
daß das niedertroposphärische Fallgebiet allein, so wie es durch den erzwungenen Warmlufttransport
erzeugt würde, noch viel weiter Östlich liegen müsse als das tatsächlich beobachtete, Aber abgesehen
davon zeigen die Beobachtungen, z. B. von Kap Hatteras, die altbekannte Tatsache, daß der Boden-
druck schon steigt, wenn der Druck in 5500 m noch fällt, Das ist nur möglich, wenn die Troposphäre
sich abkühlt. Und da diese Luft nicht, wie ebenfalls die Beobachtungen zeigen, um das Höhentief,
sondern um das Bodentief herumgeströmte Kaltluftmassen sind (die Bodenströmung ist also in dem
Raum zwischen Boden- und Höhendruckfallgebiet z. Zt. der Zyklogenese um etwa 180° gegen die
Höhenströmung verdreht), ist damit der obige Einwand widerlegt und der Nachweis erbracht, daß der
Druckfall am Boden nur auf niedertroposphärische Vorgänge zurückzuführen ist.
Gleichzeitig mit dem Nachweis des niedertroposphärischen Zustandekommens
des Druckfalls wird gezeigt, daß die Seifertsche Art der Kaltluftaktivierung