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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 64 (1936)

Ann. d. Hydr. usw., LXIV, Jahrg. (1936), Heft IX. 
381 
Die Gezeiten in neuer Beleuchtung. 
[Besonders nach H. Solberg.] 
Von HI. Thorade, 
1. Die bisherigen Anschauungen. Nimmt man zur Vereinfachung an, der 
Mond sei das einzige fluterzeugende Gestirn, und er bewege sich in der Äquator- 
ebene der Erde, so drehen sich Mond und Erde um ihren gemeinsamen Schwer- 
punkt; die dabei entstehende Zentrifugalkraft and die an den verschiedenen 
Pankten des Äquators nicht ganz gleiche Anziehungskraft des Mondes ergeben 
vereint kleine Störungen der Schwerkraft, die in der Abb. 1 nach Richtung und 
Stärke durchPfeile dargestellt sind: die 
„fluterzeugenden. Kräfte“; durch diese 
könnte Newton [1687]*) alle wichtigen 
Erscheinungsformen von Flut und Ebbe 
grundsätzlich erklären, Was mum die 
Wirkungen jener Kräfte angeht, so unter- 
scheidet man zur Zeit eine statische 
and eine dynamische Betrachtungs- 
weise der Gezeiten, Die statische Auf- 
lassung setzt voraus, daß der Wasser- 
spiegel in jedem Augenblicke eine solche 
Lage einnimmt, wie sie dem Gleich- 
gewichte zwischen Schwere und Stö- 
rungskraft entspricht, Bestände daher 
die Erde aus einem kugelförmigen festen 
Kern, der ganz von Wasser bedeckt Abb. 4. Flüterzeugende Kraft eines in 
wäre, so würde der Wasserstand in C der Richtung AB befindlichen Gestirns, 
und D gesenkt, in A und B aber ge- 
hoben, und die Meeresoberfläche wäre keine Kugel mehr, sondern ein verlängertes 
Umdrehungsellipsoid, dessen große Achse nach dem Monde zeigte (Abb. 2). Man 
sieht leicht ein, daß diese „Gleichgewichtstheorie“ nicht zutreffen kann, selbst 
wenn die Erde ganz von Wasser bedeckt wäre. 
Da sich nämlich die Erde infolge ihrer täg- 
lichen Bewegung gegen die nach dem Monde 
weisende Richtung AB dreht, und da das Welt- 
meer an der Achsendrehung ebenso teilnimmt 
wie das Luftmeer, so können z. B. die Flut- 
Aügel bei A und B nicht dauernd aus denselben 
Teilchen bestehen, sondern müssen sich immer 
aufs neue wieder bilden. aus Wasserteilchen, 
D die durch die Umdrehung herangeführt werden; 
Abb. % Gleichgewichtsgezeiten, dann erwächst jedoch die Frage, ob das Wasser 
| bei seiner Trägheit immer schnell genug die 
ellipsoidische Form anfüllen kann, und damit ist aus der statischen Frage eine 
dynamische geworden, 
_ Gewöhnlich wird Newton als der Vater der Gleichgewichtstheorie bezeichnet; 
diese stammt jedoch in ihren eben beschriebenen Grundlagen von D. Bernoulli 
(1740), der, auf der Newtonschen Darlegung der fluterzeugenden Kraft fußend, 
eine ins einzelne gehende Berechnung gab. Newton selbst meinte dagegen, 
wenn z.B. der Ozean den Punkt © passiert hätte, so würde das Wasser noch 
weiter fallen, weil eine abwärts gerichtete Kraft darauf wirkte, und Niedrig: 
wasser träte erst ein halbwegs zwischen C und A, wo die Störungskraft waage- 
recht ist, ebenso wäre Hochwasser erst halbwegs zwischen A und D zu erwarten 
äsw.; dies ist jedenfalls keine rein statische Auffassung, allerdings auch keine 
*) Die Jahreszahlen verweisen. auf das Schriftenverzeichnis am. Schlusse, 
Ay. ad. Hd sw. 19036, Heft IX. 
ZEN T
	        
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