Scherhag, R.:i Synoptische Untersuchung der tägl. Luftdruckschwankung über Mitteleuropa, 298
Nach welcher Richtung die Winddrehung dabei erfolgt, hängt im allgemeinen
von. der Windrichtung um 8 Uhr morgens ab. So kann man in Nordwest- und
Westdeutschland z, B. häufig beobachten, daß ein. südlicher Wind im Laufe des
Tages rechts herum bis Nordwest dreht, östlicher Wind dagegen über Nordost
bis Nord zurückgeht. Die mittlere Druckänderung am Tage bestätigt diese
Beobachtungen.
Die mittlere Luftdruckänderung von 8 bis 19 Uhr vom 4. Juni bis 4. Juli 1930,
In Figur 3 ist die tägliche Luftdruckänderung über Mitteleuropa während dieser
Hitzeperiode dargestellt, Von allen Stationen weist München mit einem mittleren
Druckfall von 2.8 mb den größten Betrag auf, der sich. bereits den in den Alpen-
tälern. im Sommer beobachteten Amplituden (3.8 mb in Bozen!)!) nähert, an
zweiter Stelle folgt Karlsruhe mit — 2,5 mb, dann Prag mit — 2.4 mb. In Mittel-
deutschland erreicht die Amplitude noch allgemein 2 mb, dann. nimmt sie nach
Norden hin ünter 1 mb: im Küstengebiet ab und verschwindet auf See völlig,
Rügenwaldermünde weist nur noch eine Amplitude von 0.2 mb, Adlergrund und
Gotland von 0.3 mb auf, in List beträgt die Schwanküung noch 0.1 mb und ist
in Hanstholm gänzlich verschwunden, Über der freien Nordsee: und dem Nord-
atlantischen. Ozean scheint geringer Druckanstieg am Tage vorzuherrschen:
Für die südwestnorwegischen Stationen und Irland ergeben sich Werte von 0.0
bis + 0.2 mb, die Hebriden, Shetland-Inseln und Faröer weisen bereits eine so
lebhafte Zyklonentätigkeit auf, daß die Beträge stark streuen.
Über Nordwestdeutschland verlaufen die Linien gleicher Druckabnahme von
Nordost nach Südwest, und wir können daraus ableiten, daß ein von Südost nach
Nordwest gerichtetes Druckgefälle, dem am Boden südliche Winde entsprechen,
den Grenzfall darstellt: ist der Druckgradient mehr von Ost nach West gerichtet,
so dreht der Wind am Tage nach links, im anderen Falle rechts herum. Im
Hamburger Gebiet wird eine Windrichtung links von Südost am Tage die
Tendenz zur Linksdrehung, ein Wind rechts von Südost zur Rechtsdrehung auf-
weisen, was man häufig beobachten kann. Wenn unser Kartenbild natürlich
auch nur für die behandelte Epoche gilt, so müssen die Ergebnisse doch all-
gemeinere Gültigkeit haben, und bei sommerlicher Schönwetterlage, die im
allgemeinen auch eine ähnliche Luftdruckverteilung aufweist, werden die Wind-
änderungen in gleicher Weise vonstatten gehen.
Es ist auffallend, daß auch kleinere Landgebiete, wie z. B. die Britischen
Inseln, schon. recht merkbaren Einfluß auf die tägliche Luftdruckschwankung
haben, ebenso nimmt diese über Schweden rasch zu, wenn man. sich von der
Ostseeküste entfernt. Am stärksten fällt der Luftdruck tagsüber über dem
spanischen Hochland, was man ja im täglichen Wetterdienst immer wieder fest-
stellen kann. Man sieht: Eine Druckabnahme von 4 mb von 8 bis 19 Uhr in
Madrid ist eine durchaus normale Erscheinung und darf uns abends nicht dazu
verleiten, etwa auf ein von Südwesten herankommendes Fallgebiet zu schließen!
Auffallend gering ist die Druckänderung in unserem Falle in Südfrankreich,
wo die tägliche Druckperiode nach. den Erfahrungen im Wetterdienst bei Schön-
wetterlagen immer besonders gut ausgeprägt ist, Dieses abweichende Verhalten
liegt in der betrachteten Wetterlage begründet, die — wie schon bemerkt —
nach Frankreich hin den Zustrom kühlerer atlantischer Luft begünstigte und
daher dort keine starke tägliche Erwärmung aufkommen ließ. Wir sehen also, daß
die tägliche Barometerschwankuug durchaus von der Wetterlage bestimmt wird.
Daß in diesem Falle die Amplitude über Mitteldeutschland am größten war,
hängt damit zusammen, daß dort auch die tägliche Temperaturperiode, im Bereich
vorherrschend antizyklonalen Südostwindes, am ausgeprägtesten in Erscheinung
irat. Nach Osten hin wird die Druckschwankung wesentlich. geringer, da dort
bei nördlicher Luftzufuhr die Erwärmung am. Tage wesentlich geringer war.
Allerdings muß man berücksichtigen, daß die Wetterdienstbeobachtungen
nicht nach Ortszeit ausgeführt werden und dadurch die tatsächliche Verteilung
der Amplitude der täglichen Luftdruckschwankung verzerrt erscheinen muß, aber
7 Val. Hann-Süring, Lehrbuch d. Meteorol., 4. Auf, S. 198.