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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 64 (1936)

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Annalen der Hrdrographie und Mariimen Meteorologie, Mai 1936, 
Zur Verdunstung. 
Von Kurt Wegener, Graz, 
Zu dem unersechöpflichen Problem der Verdunstung sei hier ein kleiner 
Beitrag geliefert. ; 
1. Plötzliche Verdunstung urad Kondensation. 
Für die Verdunstung von 1 em®* Wasser sind rund 600 g-cal erforderlich, 
es ist also klar, daß der ecm* die erforderliche Wärme nicht. selbst liefern kann. 
Selbst wenn das Wasser anfangs 100°C hätte und bis auf — 100° bei der Ver- 
dunstung abgekühlt würde, würden erst — 200 statt 600 g-cal für die Verdunstung 
frei werden. 
Die Höchsttemperaturen von Wasserwolken. sind. etwa +20°. Als Tiefst- 
temperaturen sind — 20° beobachtet, — 30” vermutet, und denkbar scheinen 
Unterkühlungen bis zu — 40°, Ein Tropferx und sein plötzlich entwickelter 
Wasserdampf können sich höchstens von + 20° auf — 40°C abkühlen, also würden 
nur 60 cal statt 600 zur Verfügung stehen, Die umgebende Luft kann offenbar 
keine nennenswerten Wärmemengen hergeben und überhaupt nur durch langsame 
Wärmeleitung, Selbst in diesem extremen Fall einer Wolkentemperatur von 
20°C könnte also nur der 10, Teil des Tropfens plötzlich verdunstet werden, 
wobei wir auch schon annehmen müssen, daß die Wärmeleitung innerhalb des 
Tropfens in unendlich kurzer Zeit vor sich geht. 
Ebenso steht es mit plötzlicher Kondensation, weil die frei werdende Wärme- 
menge nicht untergebracht werden kann. 
Nun hat Mache!) allerdings experimentell gezeigt, daß bei akustischen 
Wellen. von 55 Hertz die künstliche Wolke 55mal in der Sekunde schwand und 
neu gebildet wurde, aber das ist wohl so zu verstehen, daß ihre Durchsichtigkeit 
55mal wechselte, dagegen nicht so, daß die künstliche Wolke 55mal ganz auf- 
gelöst und neu gebildet wurde, weil dies offenbar nicht möglich ist. Die Sicht- 
barkeit der Tropfen hängt ganz von der Belichtungsstärke und der Richtung 
der Belichtung‘ ab. Im Scheinwerferlicht sehen wir die Kondensationskerne 
selbst, die wir im Tageslicht nicht wahrnehmen. Die Frage des Verschwindens 
und Wiedererscheinens von Tropfen ist in erster Reihe eine physiologische, 
Mindestens 90% der zur Verdunstung von Wasser notwendigen Wärme- 
menge müssen. auch an der Erdoberfläche von dieser geliefert werden, 
Wenn ein Tropfen Infolge Druckerhöhung in der umgebenden Luft, etwa 
infolge von. Schallwellen, wie bei dem schönen Versuch von Mache, teilweise 
verdunstet, so wird. durch den entwickelten Dampf der Druck in der Umgebung 
des Tropfens erhöht, hierdurch weitere Verdunstung ermöglicht usw,; der Vorgang 
sei quantitativ betrachtet. © 
Wir nehmen an, daß 1000 Tropfen von der Normalgröße 3 - 1074 cm Radius 
(Yolumen = 104 6m* = 107g) im cm” vorhanden und gleichmäßig verteilt 
seien. Dann steht jedem Tropfen (von 1071 mm®* oder 107* mg) ein Raum von 
1 mm* zur Verfügung. *}4, des Tropfens, also 10-72 mg Wasser vom Volumen 
10-2 mm*® verdunste, Hierbei wächst das Volumen des verdunsteten Wassers 
auf das Tausendfache md wird zu 107? mm? Der Druck im mm* der umgebenden 
Luft wird also mit dem Verhältnis A wachsen, kann also praktisch konstant 
gesetzt werden, Eine merkliche Steigerung des Druckes durch die Volumen- 
yergrößerung bei der Verdampfung kommt also nicht in Frage, Nach plötzlicher 
Verdunstung ist der Tropfen offenbar von einer Gaskugel aus reinem Wasser- 
dampf vom Radius 107% mm oder 10 x umgeben, da die Diffusion ein langsamer 
Prozeß ist und sich erst nach einiger Zeit bemerkbar macht. 
Noch mehr erschwert ist olfenbar die Verdunstung von Eis (680 cal). Zur 
plötzlichen Umwandlung von Wassertropfen in Eis würden 80 cal gehören; der 
Wassertropfen müßte also eine Temperatur von os — 80° haben, um im ganzen 
plötzlich zu einem KEisstück von 0° werden zu können, und — 80° sind in der 
Trovosphäre nur als äußerster Grenzwert beobachtet worden, 
NM. Z. 1985.
	        
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