[58 ‚Annalen. der Aydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1936,
scharfe Ausprägung der Kaltfront auf der Rückseite des Tiefs, wobei der Wind-
sprung allgemein 90° überschreitet, Entsprechend groß ist der Temperatür-
sprung: Auf 42° Nord, 45° West wurden -+- 22°, 500 km nördlicher nur 7 bis 8°
beobachtet, so daß bei einem derartigen Temperaturunterschied an der Wasser-
oberfläche in der freien Atmosphäre 20° sicher noch überschritten werden,
Außerdem zeigt aber auch unsere Karte, daß der Irontale Gegensatz sich
gerade mit der Bildung des Sturmtiefs zunächst noch weiter verstärken muß:
Verfolgt man nämlich in der Nachtkarte vom 18. Oktober (Figur 2) z B. die
Isobare 1017 mb, so sieht man, daß diese von 15° Nord, 30° West nach 45° Nord,
40° West weist und demnach nach diesem Punkt Luft aus der wärmsten Erd-
gegend verfrachtet wird. Andererseits erstreckt sich die Isobare 1010 mb vom
Nordpol nach 48° Nord, 40° West‘) und ermöglicht so die Heranführung von
Luft aus dem Polargebiet nach einem Punkt, der nur 300 km nördlicher von
der unter dem Einfluß echter tropischer Warmluft stehenden Stelle liegt.
Auf dem 40, Grad westlicher Länge liegt demnach zwischen 45° und 48° Nord
eine Zone äußerster Verschärfung des Temperaturgegensatzes, gerade im „Delta“
dieser Frontalzone erfolgte die rapide Zykogenese
Wendet man. die in Abschnitt 5 durchgeführte Rechnung auf die Energie-
zunahme vom 17. bis 19. Oktober an, so erhält man für die Länge der Frontal-
zone, an der der Sturmwirbel entstanden sein kann, 3800 km. Diese Strecke ist
in Figur 1 durch eine fette Linie über dem mittleren Atlantik zum Vergleich
gleichfalls eingezeichnet worden, und es ergibt sich, daß die tatsächlich vor-
handene Frontalzone, die vom Meeresgebiet westlich Bermuda nach dem Punkt
53° Nord, 25° West reicht, etwa von der gleichen Länge ist, Dagegen kann man
wohl nicht annehmen, daß der Temperaturgegensatz auf dieser ganzen Strecke
20° betragen haben kann, was immerhin schon einen frontalen Höhenwind von
50 m/sec voraussetzt, Wir müssen aber zugleich bedenken, daß unser Rechen-
ergebnis einen nicht erforderlichen Maximalwert für die Länge der Frontalzone
ergeben muß: Denn wir haben bei der Ableitung des Gradientwindes nicht die
Isobarenkrümmung im Okkludierten Tief berücksichtigt, was gerade im Gebiet
größter Geschwindigkeiten, wie im ersten Abschnitt bereits gezeigt wurde, die
kinetische Energie fast auf den dritten Teil herabsetzen kann; außerdem war
yerade am ersten Tag in der freien Atmosphäre noch ein erheblicher Temperatur-
gegensatz über Europa vorhanden”), der die Windgeschwindigkeiten mit der
Höhe stark zunehmen. ließ, Schließlich erhält man einen. geringeren Betrag für
die erforderliche Länge der Frontalzone, wenn man annimmt, daß sich der
energieumwandelnde Prozeß in größere Höhen. als 10km erstreckt und außer-
dem noch beachtet, daß die Stratosphäre an der ungestörten Frontalzone wahr-
scheinlich eine höhere Lage aufweisen wird, als innerhalb der okkludierten
Sturmzyklone, wo die obere Abschwächung des Druckgegensatzes meist schon
unterhalb von 10 km beginnt,
Alle angeführten. Gründe vermindern die erforderliche Länge der Frontal-
zone, und eine Reduktion auf die Hälfte erscheint nicht unwahrscheinlich; da
die gefundene Länge aber mit der Wirklichkeit übereinstimmt, würde dies ent-
weder einer Verminderung der Neigung der Front auf 1:200 oder einer Yer-
minderung des Temperaturgegensatzes auf eiwa 15° gleiehkommen, Damit
besteht vollständige Übereinstimmung zwischen der Theorie und den empirischen
Tatsachen, und es ist der Beweis erbracht, daß mit der kinetischen Energie
der frontalen Höhenströmung auch die Energie der größten Sturm-
zyklonen erklärt werden kann. Die freiwerdende potentielle Energie braucht
dann nur dazu herangezogen werden, um den Reibungsverlust zu überwinden.
7. Die gleichzeitige Zerstörung der Frontalzone, Wenn die kinetische Energie
der Sturmzyklone aus der frontalen Strömungsenergie stammen soll, so muß die
3) Im „Täglichen Wetterbericht der Deutschen Seewarte“ entspricht der Verlauf der Isobaren in
dem fraglichen Gebiet nicht den Tatsachen, da die grönländischen Meldungen bei Zeichnung der
Nachtkarte noch nicht vorlagen, die richtigen Druckwerte sind aber in den Tabellen des betreffenden
Berichts (Nr. 291) bereits aufgeführt. — 1% Vgl, die Höhenwelterkarten im „Täglichen Wetterbericht
Jer Deutschen Seewarte“ vom 18. Oktober 1935.