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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 64 (1936)

Scherhag, R.: Die Entstehung des: Nordsee-Orkantiefs vom 19. Oktober 1935. 155 
Wir werden den Zusammenhang zwischen dieser Energiezunahme und den 
frontalen Vorgängen bei der Entstehung des Sturmtiefs erst später besprechen, 
wenn wir bewiesen haben, daß die Divergenz-Theorie in der Lage ist, diese Energie- 
konzentration aus dem Energieverlust über der Frontalzone zu erklären, Bevor 
wir die Rechnung beginnen, soll schon. ein Blick auf die Morgenkarte vom 
19. Oktober beweisen, wie überhaupt nur die Divergenz-Theorie es ermöglicht, 
den starken Druckfall zu erklären, der dem Orkangebiet unmittelbar vorausgeht. 
3, Der Druckfall und die Divergenz der Bodenisobaren. Die Wetterkarte vom 
Morgen des 19, Oktober (Figur 4} bietet ein eindrucksvolles Beispiel für die Ent- 
stehung des Druckfälls im Gebiet divergenter Bodenisobaren: Die deutlich er- 
kennbare Kaltfront hat nämlich zu dieser Zeit bereits die Linie Skagerrak — 
südwestliche Nordsee — Bretagne erreicht, und ihre Grenze ist auch in der 3-stün- 
digen Tendenzkarte (Figur 5) durch ein Nachlassen des Druckfalls markiert; da- 
gegen beginnt hinter der Kaltfront erneut erheblicher Barometersturz, am 
stärksten. über der westlichen Nordsee und ganz Ostengland und Östschottland 
umfassend. Vergleicht man die Lage dieses Druckfallgebiets mit der Luftdruck- 
verteilung, so. ist sofort zu erkennen, das dieses postfrontale Fallgebiet genau 
mit der Zone zusammenfällt, wo vor dem Örkangebiet eine plötzliche 
Auflockerung des Druckgefälles eintritt, Am stärksten ist der Druckfall 
gerade über der mittleren Nordsee, wo die Divergenz der Isobaren gleichzeitig 
am deutlichsten ausgeprägt ist, die Begrenzung des Fallgebiets fällt genau mit 
dem Beginn der Orkanzone zusammen, 
Dieser hinter der Kaltfront in vielen Fällen wieder auftretende Druckfall 
wurde von der norwegischen Meteorologensechule als „rückkehrendes Ende der 
Okklusion“ bezeichnet, deren Realität aber durch die direkten aerologischen Auf- 
stiege bisher kaum in einem Falle hat nachgewiesen werden können und durch 
Palmön®%) kürzlich auf Grund hochreichender Registrierballonaufstiege direkt 
widerlegt wurde. Auch in diesem Falle ergibt sich ohne jeden Zweifel, daß das 
zweite Fallgebiet nichts mit Warmluftmassen zu tun hat, die das Tief bereits 
umströmt haben könnten, sondern hinter der Kaltfront nimmt die Advektion 
polarer Luft an Intensität und Mächtigkeit ständig zu, 
Gestützt wird diese Behauptung durch einen Vergleich der Fortpflanzungs- 
geschwindigkeit dieser Scheinfront, deren Lage wir mit dem Beginn des Druck- 
Aanstiegs identifizieren wollen, mit der Stärke der Luftbewegung,. So haben der 
Druekanstieg und. das Gebiet maximaler Windstärke abends (vgl. den Tägl. Wetter- 
bericht der Deutschen Seewarte) den 5. Grad östlicher Länge erreicht und in 
i1 Stunden — morgens beginnt diese Zone über Westengland -— etwa 550 km, 
das sind in einer Stunde 50 km, zurückgelegt, Dabei erreicht der Gradientwind, 
der im der gleichen Richtung weist und. dessen voller Betrag deshalb für die 
Fortpflanzung einer eventuell vorhandenen Front maßgebend sein müßte, mit 
Werten von 100—160 Stundenkilometer den zwei- bis dreifachen Betrag und be- 
weist somit schon die Unmöglichkeit. des Vorhandenseins einer Front. 
Daß aber vor dem Starkwindgebiet Druckfall eintreten muß, ist schon eine 
notwendige Bedingung dafür, daß sich das Orkangebiet überhaupt fortpflanzen 
kann, denn sonst könnte ja die Zone starken Druckgegensatzes gar nicht voran- 
kommen. Da diese Sturmgebiete fast immer eine Wanderung zeigen, ergibt sich 
als notwendige Konsequenz, das ein Gebiet starken Druckgegensatzes in sich die 
Fähigkeit haben muß, sich durch den eintretenden Druckfall weiter auszubreiten 
und zu verlagern. . 
Ich habe in mehreren Arbeiten?) den Beweis dafür erbracht, wie eine Höhen- 
divergenz mit Druckfall und Zyklogenese verbunden ist und auch bereits auf die 
$ E. Palmön, Registrierballonaufstiege in einer tiefen Zyklone, Mitteilungen d, Meteorolog. In- 
stituts d, Universität Heleingfors Nr. 26; vgl. auch die Besprechung In dieser Zeitschrift 1935, S. 320. — 
?) R. Scherhag, Untersuchungen über die Nachtgewitter im nord westdeutschen Küstengebiet, Ann, 
AH. 1933, 8. 94. — Die Luftdruck- und Temperaturverteilung in der Höhe bei der Bildung des Ost- 
see-Orkans vom. 8./9, Juli 1931, Met. Z. 1933, 5. 467.. — Die Eutstehung des Ostsee-Orkans vom 
8./9%. Juli 1931. Ann. 4, 1934, 8. 152, — Die Bedeutung der Divergenz für die Entstehung der Vb-De- 
pressionen, Ann. H, 1934, S. 397. — Die unvermittelte Entwicklung der Vb-Depression vom 6,/8, Juli 
1929 im Gebiet starker Isothermen- und Strömungsdivergenz. Beitr. z. Phys. d. freien Atın, 22, 8. 76.
	        
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