Rodewald, M.: Das norddeutsche Hochdruck-Gewitter vom 19, August 1933, 149
nachwirkt, Die aus Süd bis Südwest gegen die südliche Nordsee vordringende
Heißluft wird durch die präfrontale Östkomponente des Seewindes jedenfalls
schon mittags im AÄAufsteigen begünstigt (Strömungskonvergenz). ;
Dieser Seewind-Einschuß hat ferner zur Folge, daß die Bodenwarmfront am
Vordringen nach der See tagsüber gehindert wird und bis zum Abend des 19.
fast stationär bleibt. In der Nacht setzt sie sich dann rasch in Bewegung, und
die in Tabelle 1 hinzugefügten Windwerte vom 20. August, 2% Jassen erkennen,
daß bis dahin eine scharfe Rechtsdrehung der Bodenströmung erfolgt ist.
Tabelle 1,
Windrichtung und -stärke (Beaufort) am 19, August in der Deutschen Bucht,
sn | @ | um | um | ım | 19 [20 vım,26r
Borkumriff-Feuerschiff | SE1__! SE2 | SSE2 | ESE4 | ESES | ESE2 | Sı
Borkum... ..=... $SE2 | SSE3 | SE4 _} SE4 E5_ | SE3 ' S8Ww2
Außenjade-Feuerschiff | Stile | SSE1 " S2 _ BES ESE4 | SE4 * WSW2 '
Wilhelmshaven, , ...]} NW1 SE3 SE2_ _ SSE4_ NE4 | ESE38S SSW2
Cuxbaären, .......] — si SEI | SEI E41 | SE3S SSW I
‘ Elbe 1-Fenerschiff „| _— | SE2 8SWı | BEI E4 | meE8 1 =
Helgoland - x 0w««s — 81 ‚ SSE2 E?2 E5 [|E5 | SSE3
ED ra nn u FE
Vor Mitternacht setzt anderseits, wie die Piloten von Hannover und Köln
(s. 0.) zeigten, ein starkes Äuffrischen der binnenländischen Südwinde oberhalb
200 m Höhe ein. Diese Strömung, tagsüber durch den bis zum Boden herab-
gehenden vertikalen Austausch gestört und durch die damit verknüpften Boden-
reibungsverluste in ihrer Horizontalgeschwindigkeit gedämpft, legt sich nachts
eine Art Gleitpolster von Strahlungskaltluft zu, über dessen glatter Oberfläche
sie sich frei entfalten kann!) So gewinnt der Warmluftrorstoß einen neuen
Impuls, und daraus würden sich dann die im Typus dem Nachmittagsgewitter
gleichen Nachtgewitter in der Zone Skagerrak-Hinterpommern (vgl.
Mitteilmg 1) erklären, Scherhag®) hat bereits die auffällige Erscheinung der
Nachtbevorzugung der norddeutschen Küstengewitter auf die Wirkung der täg-
liehen Temperaturperiode zurückgeführt; ich möchte annehmen, daß hierbei ein
wesentlicher Teil des Mechanismus durch das Gleitpolster gebildet wird, das den
Verschleiß tieftroposphärischer Bewegungsenergie nach Sonnenuntergang hinten-
anzuhalten. beginnt und über der unteren. Luftschicht die Strömungsinklination
zum tiefen Druck vermindert,
Die bisherige Untersuchung gestattete, dies norddeutsche Hochdruckgewitter
dem von Scherhag studierten Typus der nächtlichen Küstengewitter zuzuordnen
und ergab hinsichtlich der Vorbedingungen eine überraschende Ähnlichkeit mit
den von Scherhag bearbeiteten Fällen, Wie groß z. B. selbst die Realität der
mittleren Druckverteilung vor 12 von Scherhag untersuchten Gewitterfällen
ist, geht daraus hervor, daß der vorliegende Einzelfall im entscheidenden Gebiet
dieselben Züge der Druckverteilung aufweist (Hoch Böhmen mit Keil nach nord-
östlicher Nordsee, Tiefausläufer im. Biskaya-Winkel)%, Auch in unserm Fall
kommt es zu ausgedehnten, starken. Nachtgewittern vom Skagerrak bis Ost-
deutschland, deren Vorläufer das behandelte Nachmittagsgewitter ist. Die erste
Gewitterentwicklung aber konnte nachmittags schön erfolgen, weil hier ein
besonders extremer Fall der diesen Typus bedingenden Verhältnisse vorliegt,
Dies zeigt Abb. 17 in Tafel 20, Hier ist*) einmal die mittlere Temperatur-
änderung nach 12 nordwestdeutschen Gewitternächten (Differenz Nachtag-Vortag
‘ Der Umstand, daß gerade die festländischen Sommerzyklonen mit Beteiligung kontinentaler
Tropikluft eine ausgesprochene Vorliebe für nächtliche Vertiefung zeigen, trotzdem. die thermischen
Gegensätze sich nachts ausgleichen, deutet m, E. an, daß hierbei m Gleitpolster der niedrigen
Strahlungskaltiuft eine wesentliche Rolle spielt, indem es für die Luftströme eine neue, reibungsarme
Unterlage: schafft und die KEnergieverluste mindert. — *) A. H. 1933, 8. 97, — % Vgl. A. H. 1933,
Tafel 9, Abb. 3 mit A. H. 1935, Tafel 8, Abb. 1. — %) Nach A, H. 1933, 8. 98 bis 99, Tabelle 4
von Scherhag.
Ann, &. Hydr. u8w, 1986, Heft IV.