Scherhag, Rı: Eine bemerkenswerte Klimaänderung über Nordeuröpa. 99
macht. Wenn daher in den letzten Jahren die Nordost-Passage von den Russen
mehrmals mit Erfolg erzwungen wurde, so ist diese Leistung wohl durch die
yünstigen Eisverbältnisse wesentlich begünstigt worden, und es ist noch sehr
die Frage, ob diese Unternehmungen bei erneuter Zunahme der Vereisung
weiterhin durchführbar sein werden.
Die Parallelität. zwischen der Lage der Eisgrenze und der Temperatur-
verhältnisse Spitzbergens gestattet es, die Temperatur für den Zeitraum bis 1898
zurück zu extrapolieren, und wir sehen dann Auch, daß der Zeitraum 1912 bis 1926,
der dem Mittel von Spitzbergen zugrunde liegt, die normalen Verhältnisse an-
yenähert wiedergeben. muß, da er genau eine Eisperiode umfaßt; es kann daher
nicht angenommen werden, daß das Mittel‘ dieses Zeitraums als wesentlich zu
galt angesehen werden muß, wenn auch die Vereisung in der Mitte des zweiten
Jahrzehntes ganz besonders stark war.
Zu einer Untersuehung der Ursache der rückgehenden Vereisung reicht die
Beobachtungszeit zu Spitzbergen leider noch nicht aus; wir haben aber bereits
gesehen, daß wir die gleiche Temperaturzunahme an der ganzen grönländischen
Küste gleichfalls beobachten,
In Figur 2 zeigt die untere ausgezogene Kurve die Abweichung der Mittel-
temperaturen der einzelnen Jahrfünfte in Jakobshavn an der grönländischen
Westküste, beginnend mit 1878, und wir sehen hier, wie etwa mit dem Jahre 1920
eine ständige Temperatursteigerung beginnt, so daß dort die Temperatur im
jetzten Jahrzehnt bedeutend höher liegt als im gesamten vorhergehenden Zeitraum.
Die obere ausgezogene Kurve zeigt die gleichzeitige Abweichung des Luft-
Arüucks, und man erkennt hier eine schon in den neunziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts beginnende und sich in letzter Zeit bedeutend verstärkende Druck-
abnahme; im einzelnen zeigen diese beiden ausgezogenen Kurven aber keine
Beziehung zueinander.
Die obere gestrichelte Kurve gibt die gleichzeitigen Druckabweichungen zu
Stykisholm auf Island wieder, auch dort macht sich eine langsame Druck-
erniedrigung bemerkbar, die jedoch wesentlich. geringer ist.
Bildet man jetzt die Differenz der Druckabweichungen zu Stykisholm und
Jakobshavn, so muß diese Zahl einen Anhalt über die Stärke des Südwestwindes
im Bereiche von Grönland geben, und wir sehen (vgl. die untere gestrichelte
Kurve), daß diese Druckdifferenz vollständig parallel mit der Temperatur-
abweichung von Jakobshavn verläuft. Damit ist bewiesen, daß sich in den letzten
(0 Jahren über dem Nordatlantik eine zunehmende Häufigkeit der Südwestwinde
bemerkbar gemacht hat, was auf eine Steigerung der Zirkulation hindeuntet.
Figur 3 zeigt die mittlere Abweichung des Luftidrucks während der Winter-
mönate November bis März von Januar 1933 bis März 19385, die Werte wurden
den „Mitteleuropäischen Witterungsberichten“ entnommen?); Westlich der
Britischen Inseln. erreichte der Luftdruck seine größte positive Abweichung mit
fast 4 mb, über ganz Nordeuropa ist der Luftdruck erniedrigt, die Zirkulation
entsprechend erheblich verstärkt und der Warmlufttransport vom Nordteil des
Ozeans zur Östgrönland-See wesentlich gesteigert. ‚Die gleichzeitige Temperatur-
abweichung (Figur 4} ist am größten bei Spitzbergen und nimmt von dort nach
Süden zu allmählich ab; erreicht aber nur über Südwest- und Südosteuropa
geringe negative Werte, Trotzdem über Mitteleuropa eine verstärkte Häufigkeit
aordöstlicher Winde eingetreten ist, ist hier die Temperatur noch übernormal,
und diese Tatsache beleuchtet wohl am besten die Milderung der "europäischen
Winter, ein Problem, das mit der erhöhten Zirkulation zusammenhängt.
Ä. Wagner?) hat. bewiesen, daß diese Verstärkung der Zirkulation bereits
im Jahrzehnt 1910 bis 1920 zu verzeichnen. war, wenn man Sie mit der
Zirkulationsstärke während der Jahre 1886 bis 1895 vergleicht, In einer kurz
vor dem Abschluß stehenden Arbeit werde ich zeigen, daß diese Zunahme der
. Herausgegeben von d.. Staatl, Forschumgsstelle f. Iangfristige Witterungsvorhersage, Frank-
fürt/M. — *) A. Wagner, Neuere Untersuchungen über die Schwankungen der allgemeinen Zirku-
lation. Meteorol, Zeitschr. 1929, S. 483. = Untersuchungen der Schwankungen der allgemeinen
Zirkulation, Geografiska Annaler 11, S. 33 (1929).