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Full text: 62, 1934

Lettau, H.: Turbulente Schwankungen von Wind und Temperatur usw. 471 
horizontale Temperaturunterschiede AT verlangen, die nach der Bechleunigungs- 
formel B=g Sr unter Verwendung von B = 26.2 cm sec—?, g = 981 cm sec-2 
T=290° sich leicht abschätzen lassen zu AT = +7.8°C, Diese gewaltigen 
Temperaturunterschiede müßten bei horizontalem Wind als zeitliche Schwankungen 
spürbar sein; in Wirklichkeit liegen nur solche von im Mittel + 0.422°C vor, 
Wir gewinnen also auch auf diesem Wege einen neuen Beweis für die Tatsache, 
daß in den bodennahen Luftschichten die turbulenten Kräfte nicht von thermischer 
Stabilität, also insbesondere nicht von vertikalen oder horizontalen Temperatur- 
gradienten in maßgeblicher Weise abhängen. 
Im’ allgemeinen wird man dazu neigen, die bei den Registrierlinien beob- 
achtbaren Schwankungen auf irgendwie erzwungene vertikale Versetzung von 
<leineren Luftballen, die die Eigenschaft ihres Ausgangsniveaus (entsprechend 
dem vertikalen Gradienten) mitbringen, zurückzuführen. Bilden wir nun den 
Quotienten aus mittlerer Schwankung und vertikalem Gradienten, so erhalten 
wir eine Größe von der Dimension einer Länge; sie kann dem Mischungsweg 
der Turbulenztheorien, der Entfernung, aus welcher im Mittel die Teile ihre 
Eigenschaften bei ungeordneten vertikalen Strömungen mitbringen, gleichgesetzt 
werden. Für Windstärke folgt nach unserer Zusammenstellung ein Wert von 
71 cm), für Temperatur dagegen ein Wert von 182 cm, wobei der Gradient der 
potentiellen Temperatur, der sich zu 2,32. 10—3°C em-—1 ergibt, einzusetzen ist. 
Dieser Unterschied von über 200%, darf keinesfalls auf die ungenaue Er- 
mittlung des Windgradienten allein zurückgeführt werden; vielmehr beruht 
ein gewisser, vermutlich geringer Anteil der Temperaturschwankungen auf all- 
zemeiner Ungleichheit des horizontalen Temperaturfeldes, der allerdings eine 
ebenso große des Windfeldes gegenüberstehen wird. Ferner spielt in dieser 
Bodennähe noch die für die betrachteten Eigenschaften andersartige Ab- 
weichung des wahren Gradientenverlaufes vom linearen eine Rolle. Dazu 
kommen noch Verschiedenheiten, die ihre Ursache in dem für beide Mischungs- 
vorgänge anderen Maß der Annäherung an die vollkommene Reversibilität des 
Geschehens haben, 
Als reversibel oder umkehrbar bezeichnet man solche physikalischen Prozesse, 
die in allen Einzelheiten restlos rückgängig gemacht werden können, ohne daß 
dafür an anderer Stelle in der Natur Veränderungen zurückbleiben. Alle anderen 
Prozesse heißen irreversibel oder nicht umkehrbar. Wenn auch letzten Endes 
alle tatsächlichen Naturvorgänge zu den irreversiblen gezählt werden müssen, 
so spielt bei manchen die Abweichung vom reversiblen Idealfall eine verhältnis- 
mäßig geringere Rolle. Das läßt sich an unseren zwei Beispielen, also Mischung 
von Bewegungsgröße und Wärmeinhalt, ganz besonders verdeutlichen. 
Wir betrachten ein Luftteilchen, das sich aus der Höhenschicht entfernt 
hat, in welche es seinen Eigenschaften nach gehört. Die Vernachlässigung 
der Übermittlung von Bewegungsgröße an andere Teile durch Grenzflächen- 
vreibung sowie die Umwandlung mechanischer Energie in Wärme infolge Reibung, 
die den erstgenannten Vorgang zu einem reversiblen machen würde, kann 
in der Meteorologie in erster Näherung meist gestattet werden. Dagegen 
müssen wir bei Betrachtung des thermischen Verhaltens desselben Teilchens be- 
rücksichtigen, daß außer den in gleicher Weise wie mechanische Reibung zu 
vernachlässigenden Wärmeleitungsverlusten noch Strahlungswirkungen nach dem 
Stefan-Boltzmannschen Gesetz einsetzen. Diese sind es, die gewissermaßen den 
„Grad der Irreversibilität“ beim Austausch von Wärmemengen beträchtlicher 
als beim Austausch von Bewegungsenergie machen. Leider vermögen wir 
schwerlich jemals einem einzelnen Luftteilchen auf seinen verschlungenen Bahnen 
zu folgen, sondern müssen uns mit der Betrachtung zeitlicher Schwankungen 
der Eigenschaften atmosphärischer Luft an einem festen Ort begnügen; wir 
werden somit stets nur auf statistisch-rechnerischem, nicht auf experimentell- 
1) Streng genommen müßten wir an Stelle von Geschwindigkeit die Bewegungsgröße (Impuls) 
betrachten. Für diese ergäbe sich ein noch kleinerer Mischungsweg, da im untersuchten Fall die 
Luftdichte mit der Höhe zunimmt.
	        
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