30 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1934,
noch völlig unkontrollierbaren Beschleunigung durch die Schiffsbewegung aus-
gesetzt sind*).
Auch Kaster befaßt sich in seinem Bericht sehr ausführlich mit dieser
Frage, er kommt zu dem gleichen Ergebnis wie der Verfasser in dem eben
zitierten Aufsatz, Fehlbeobachtungen von 10” bis 20‘ (Kaster: 5 bis 20 Sm)
sind bei Seegang‘ keine Seltenheit. Günstiger sind die Ergebnisse vom Flugzeug
aus, da hier der Beobachter immer dem Bewegungsmittelpunkt erheblich näher
ist, als es auf dem Schiff möglich ist, Die Beschleunigung, die die Libellenblase
erfährt ist daher wesentlich geringer, zumal auch die Schwankungsbewegungen
des Flugzeuges selbst kleiner sind. Schließlich sind auch die Bedingungen der
astronomischen Luftnavigation und ihre Anforderungen an die Genauigkeit
wesentlich von denen der Seenavigation verschieden, Kaster ist auch hier der
gleichen Ansicht wenn er sagt: „Unter Berücksichtigung von Geschwindigkeit
und Sicht bedeuten 10 Sm für das Flugzeug nicht mehr als 1 Sm für das Schiff,“
Wenn man berücksichtigt, daß alle Versuche von der Kimm als Bezugslinie
der astronomischen Ortung in einwandfreier Weise freizukommen, heute nahezu
auf dem toten Punkt angelangt sind, so wird man sich besonders in der Luft-
navigation vorerst auf die Benutzung von Libellen- oder Pendelinstrumenten,
trotz ihrer zur Zeit nicht abzustellenden Mängel, einrichten müssen; zumal der
Fernflug der Zukunft sich in solchen Höhen abwickeln wird, die ein Nieder-
gehen nicht mehr gestatten, um astronomische Beobachtungen über der Kimm
zu machen, was übrigens auch für Kriegsflugzeuge schon aus militärischen
Gründen häufig nicht tunlich ist. Allerdings ist bei Beobachtungen in großen
Höhen die mit der Abnahme des Luftdruckes bzw. der Dichtigkeit der Atmo-
sphäre gleichfalls abnehmenden Größe der Strahlenbrechung zu berücksichtigen.
Die sich ergebenden Werte werden aber im Hinblick auf die mit Libellen-
instrumenten überhaupt zu erzielende Genauigkeit meist vernachlässigt werden
können, es sei denn, daß das beobachtete Gestirn sehr niedrig steht (Abnahme
der Strahlenbrechung bei 5000 m Meereshöhe und. 10° Gestirnshöhe etwa 2' 30”,
bei 30° Gestirnshöhe etwa 0 45”).
Bei Beobachtungen auf Schiffen wird man die Libelleneinrichtung wegen
der hier noch stärker in Erscheinung tretenden Mängel kaum benutzen, der
Sphärant gestattet aber, wie erwähnt, auch Beobachtungen über der Kimm. Der
bzw. die Kimmstrahlen werden durch ein ganzes Prismensystem zum a8stro-
nomischen Feld. im Okular des Teleskopes geführt; hierbei dürfte sich ein Mangel
dadurch ergeben, daß eine nur schwach sichtbare bzw. helle Kimm, die für direkte
Beobachtungen mit dem gewöhnlichen Sextanten noch ausreichend ist, durch
ein solches Prismensystem kaum noch zu genauen Beobachtungen zu verwerten
sein wird. Erfahrungen, die der Verfasser bei Kimmbeobachtungen mit Prismen-
instrument gemacht hat), geben zu dieser Befürchtung berechtigten Anlaß. Das
optische System des Sphäranten soll erneut verbessert sein, so daß vielleicht
bessere Ergebnisse zu erzielen sind, hierüber kann aber erst nach Prüfung des
Instrumentes abschließend geurteilt werden.
Wenn auch die zum Teil sehr alten Methoden der astronomischen Ortung
den durchschnittlichen Belangen der Seeschiffahrt auch heute noch im allgemeinen
genügen, So liegt trotzdem, besonders für die Kriegsmarine und die schnellaufenden
Fahrgastschiffe, durchaus ein Bedürfnis vor, die Ergebnisse astronomischer
Beobachtungen schneller und fehlerfreier als bisher zur Verfügung zu haben,
So erfordert es nicht also allein die Luftfahrt, daß man sich mit dem Sphäranten
befassen sollte, um die durch ihn anscheinend gegebenen Möglichkeiten zu prüfen
und nutzbar zu machen.
) Michler, Beobachtungen mit dem Libellensextanten auf D. „Arucas“ im Mai 1933. Ann.
d, Hydr. 1933, 8. 254. — %) Michler, Kimmtiefenmessungen auf D, „Arucas“ im Mai 1933, erscheint
demnächst. in den Ann. d. Hydr.