Sverdrup, H, U: Wie entsteht die Antarktische Konvergenz? 817
wird die Triftstrommenge gegen Norden etwa 3: 10* cm3/sec, Wenn der Windstrom
die obere 100 m-Schicht erfaßt, wird die mittlere Geschwindigkeit etwa 3 cm/sec,
also von derselben Größenordnung wie die Geschwindigkeit der thermohalinen
Strömung nach Süden, Nach dieser Berechnung überwiegt zwar der Windstrom,
doch darf man den Zahlenwerten kein zu großes Gewicht beimessen; das wesent.
liche ist, daß die zwei Strömungen von derselben Größenordnung sind.
Zum Schluß möge noch auf zwei Einzelheiten aufmerksam gemacht werden.
Nördlich der Konvergenz findet man ein Maximum des Salzgehalts in Tiefen
zwischen 80 und 100 m. Deacon und der Verfasser haben beide vermutet, daß
die Oberflächenschicht von dem Wind nach Norden vwerfrachtet wird und daß
das Salzgehaltsmaximum eine Südströmung unterhalb des Windstromes andeutet.
Wenn man aber annimmt, daß in der oberen Schicht die thermohaline Strömung
überwiegt, so ist es möglich, daß diese Strömung die Schicht bis zu einer Tiefe
von mehr als 100 m erfaßt und daß das Salzgehaltsmaximum nur dadurch zustande
kommt, daß die Oberflächenschicht am meisten von Niederschlägen verdünnt
wird. Südlich der Konvergenz trifft man im Sommer niedrige Temperaturen
in Tiefen zwischen 80 und 150 m. Diese brauchen nicht, wie Deacon annimmt,
anzudeuten, daß kaltes Wasser nach Norden strömt, sondern sind wahrscheinlich
auf die Wirkung der Abkühlung im vorhergehenden Winter zurückzuführen.
Der „Seebär“ vom 19. August 1932 in der Deutschen Bucht der Nordsee.
Von Regierungsbaurat Gaye und Regierungsbaurat F, Walther,
(Hierzu Tafel 35.)
Am 19, August 1932 nachmittags wurde an zahlreichen Küstenpunkten der
Deutschen Bucht der Nordsee das Auftreten einer plötzlichen starken Wasser-
anschwellung, teilweise mit nachfolgenden Schwingungen, beobachtet. Die Hebung
der Wasserstände war stellenweise so stark, daß sie nicht nur an den zahlreichen
Schreibpegeln registriert wurde, sondern auch dem bloßen Auge erkennbar war
und von Augenzeugen in den Tageszeitungen beschrieben worden ist. Nach der
ganzen Art der Erscheinung handelt es sich um einen „Seebär“1),
Nachstehend sind einige Berichte von Augenzeugen aus den Tageszeitungen
gegeben. Vom Memmert wird berichtet:
„Es war etwa zwei Stunden nach Hochwasser.
Das Wasser war ungewöhnlich rasch gesunken und nur noch träge langhinrollende Wellenzüge
verliefen auf dem heißen Strand, der unter den Strahlen der Mittagssonne brütete, Etwa gegen drei
Uhr stiegen plötzlich sämtliche Möven der Kolonie hoch, durcheinanderwirbelnd wie ein hochgewehter
Blätterhaufen. Ihr aufgeregtes Geschrei und ein jäh einsetzender Windstoß veranlaßten mich, den
Dünenkamm zu erklettern und Ausschau zu halten, Außer einer merkwürdigen milchigen Färbung
des nördlichen Himmels war zunächst nichts besonderes zu entdecken, bis die bisher glatte im Dunst
rerschwimmende Linie des nordwestlichen Horizonts plötzlich ein seltsames, unheimliches
Leben bekam. Es sah aus, als winde sich dort eine dunkle Schlange. Weißblinkende
Punkte blitzten auf ihrem Leib, die sich rasch zu weißen Bändern weiteten....
Einige Sekunden später war um die Robbenplate und den nördlichen Memmertstrand ein tobendes
Brandungschaos, ein Anblick, der bei der auf dem Hauptstrand lastenden Hitze und Stille gerade-
zu gespenstisch wirkte, Was aber dann geschah, läßt sich nur schwer in Worte fassen. Ein dunkler
Wasserschwall wälhzte sich mit unheimlicher Schnelligkeit heran. Schwärme von Möven,
die vor Minuten noch friedlich auf dem Wasser schaukelten, vor sich herjagend, überstürzte er sich
in einem einzigen wildaufbrüllenden Brecher und überflutete im Augenblick den flachen Strand bis
an den Dünenrand. In steilen Fontänen peitschte hier das Wasser hoch. Das zurückflutende Wasser
prallte dann mit einer zweiten Welle zusammen und verwandelte den Strand in ein tolles Brandungs-
chaos, das erst nach längerer Zeit abebbte. Das Seltsamste war, daß der Südstrand fast unberührt
blieb und daß dort das ganze Ereignis bis auf das Steigen des Wassers gar nicht bemerkt wurde.“
Ebenfalls vom Memmert wird an anderer Stelle berichtet:
„Besonders stark wurde der Memmert betroffen, wo etwa 80 cm über Hochwasser liegendes Ge-
lände mindestens noch 40 em hoch überflutet wurde. Am heftigsten war der Anprall bei den Nord-
dünen, wo das Wasser fast 2 m über Hochwasser auflief, Die Welle war nach dem Bericht von
Augenzeugen etwa 1.20 m hoch und wälzte sich gleich einer steilen Wand mit der kaum glaublichen
1) Siehe u. a, Ann, d, Hydr. 1924, 8. 14 (Meißner), 3.63 (Maurer), ferner H. Thorade:
Probleme d. Wasserwellen. Hamburg 1931,
Ann. d. Hydr. usw, 1984, Heft VYIIL