nn
256
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1954,
daß in erster Linie nur die Schwere maßgebend für den Abfluß der erkalteten
Luft sei; sie wird die Bewegung nach der Richtung des abfallenden Bodens ein-
leiten, aber sie erfolgt unter wesentlicher Mitwirkung des vorhandenen Druck-
gefälles ‚..“% so muß hier ein Mißverständnis vorliegen*), Jeder horizontale
Dichteunterschied erzeugt ein horizontales Druckgefälle, und wir können die
Bewegung der Luft ebensogut auf den Dichteunterschied (Schwere) oder das
Prinzip des Archimedes zurückführen als auf die Neigung der isobaren Flächen,
d. h. das Druckgefälle,
Die Frage, um die es sich nach meiner Ansicht allein handeln kann, ist die,
ob das in der abfließenden Luft beobachtete Druckgefälle, oder was dasselbe ist,
die beobachteten Dichte (Schwere) Unterschiede ausreichen, den Wind als Schwere-
Wind zu erklären. Und dies ist nach unseren bisherigen Kenntnissen der Fall
Auch über das neue Kriterium, das Defant dem bisherigen zufügt, nämlich
Konstanz der Schichtdicke bei konstantem Gefälle der Schneeoberfläche, liegen
bisher keine gegenteiligen Beobachtungen vor, Nach den Beobachtungen von
Hobbs, die außerhalb des Inlandeises in geringer Höhe erfolgten, war die
Bodenschicht etwa 400m dick, Defant schätzt, wohl nach mündlichen Mit-
teilungen von Expeditionsmitgliedern, die Mächtigkeit auf dem Inlandeis zu
200 m. Für eine Differenz von 1000 m haben wir bisher keine Anzeichen. Im
übrigen wird hoffentlich die Frage durch die im Gang befindliche Veröffent-
lichung der Ergebnisse der Expedition meines Bruders wesentliche Klärung
erfahren.
Luftelektrische Messungen in Westerland auf Sylt.”
Yon K. Kühler, Potsdam,
Mit einem Anhang:
Einige Messungen des luftelektrischen Potentialgefälles. Von R. Th. Scherhag.
(Hierzu Tabellentafel 32 und Tafel 33,4
Meßort und Meßgerät. Die Messungen wurden im August/September 1929
mit Unterstützung der „Gesellschaft zur Förderung der Klimaforschung im
Nordseegebiet“ und der Westerländer Badeverwaltung ausgeführt. Sie können
nur als ein Vorversuch zur Erforschung der luftelektrischen Verhältnisse auf
der Insel aufgefaßt werden. Bei der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit
konnte es sich im wesentlichen nur darum handeln, Erfahrungen zu sammeln
und Fingerzeige für zukünftige, ähnliche Messungen zu geben. Schon aus diesem
Grunde wurde die Meßapparatur möglichst einfach gewählt. Für das Potential-
*) Die folgende Stellungnahme von Herrn Professor A, Defant-Berlin wird mit
Einverständnis beider beteiligten Herren hier wiedergegeben. Die Schriftleitung.
„Ich muß tatsächlich annehmen, daß in diesem Punkte entweder mich Professor K. Wegener miß-
verstanden hat, oder ich ihn. Ich bezog seinen Satz auf die allgemeinen Luftströmungsverhältnisse auf dem
Inlandeis, wie sie sich auch bei den verschiedenen Witterungsverhältnissen gestalten. Hier spielten neben
der Schwere als wesentlich mitbestimmender Faktor auch die von der Massenverteilung über der Kalt-
luftschicht abhängenden Druckgeadienten eine große Rolle, Meine theoretischen Erörterungen konnten
zeigen, daß dieser zweite Faktor die Wirkung des ersteu verstärken oder auch ganz aufzuheben
vermag, Dies ist natürlich nichts Neues und Unerwartetes nur insofern von Interesse, als im ana-
logen Tall fließenden Wassers in einem geneigten Kanal die Neigung des Wasserspiegels gegenüber
der Neigung des Bettes im den allermeisten Fallen so stark zurücktritt, daß sie vernachlässigt werden
kann, Bei zwei übereinander geschichteten Atmosphären kann der Einfluß der Oberen Atmosphäre
hingegen so stark sein, daß er die Wirkung der unteren (Beben ganz aufhebt; dies zeigen
ja auch die Beobachtungen, K. Wegener versteht in dem erwähnten Satz unter „Abfluß der er-
kalteten Luft“ nur den reinen „Schwere- Wind“, Natürlich hat er in diesem Falle recht, wenn er nur
die Schwere maßgebend für den ganzen Vorgang ansieht, die Druckverbäültnisse treten dann eben
ganz in den Hintergrund. Ich glaube, die Erscheinung ist nun ganz klar: Für den Abfluß der er-
kalteten Lmft vom Inlandeis hat die Schwere einen maßgebenden Einfluß, aber die Art und Weise
dieses Abflusses steht unter wesentlicher Mitwirkung der in der allgemeinen Wetterlage vorhandenen
Luftdrackgradienten, die oft den Abfluß beschleunigen, oft ihn geradezu aufhalten. so daß die kalten
Luftmassen im Innern sogar aufgestaut werden.‘
%) Diese Arbeit sollte ursprünglich im dritten Baud der „Berichte des Sirahlungs-Klimatologischen
Atationsnetzes im Deutschen Nordseegebiet“ erscheinen und ist schon im Sommer 1930 abgeschlossen worden.